Sich zeigen

Was für eine faszinierende Spezies.
Es war ein sehr warmer Tag. Sie flattere fröhlich und munter umher. Unter ihren Flügeln sammelte sich genussvoll warme Luft aus Tälern und Weiden. Mit welchem Stolz und einer Pracht sie sich allen zeigte!
Neid anderer war ihre Zufriedenheit. Die Erde kannte aber auch kein anderes Tier, das mit so vielen Farben und Pudern, so friedvoll umherflattern konnte.

An diesem Tag flog sie - wie immer - unbesorgt und fröhlich umher.
Ob sie sich heute wohl trauen würde? Auf die andere Seite?
Jeden Tag hatte sie daran gedacht. Vielleicht war dies sogar die einzige Klage in ihrem schönen Leben. Das Gelangen zur anderen Seite.

Vorgenommen, fest entschlossen.
Ein kurzes Flattern in die Richtung stahl ihr die warme Luft unter den Flügeln. Es schien windig zu sein.
Der Reiz war heute jedoch größer als die Angst. Deshalb schlug sie weiter mit den Flügeln.
Schon die Hälfte des Weges hatte sie hinter sich - da fand sie sich in einer völlig anderen Lage wieder.

Es klatschte ihr. Auf den gesamten Körper. So schnell und hart, dass ihre Flügel sich in jeweils andere Richtungen verteilten. Der Rest des Körpers verspritzte und sie klebte wegen des starken Windes fest.
Erst jetzt spürte sie, wie heiß die Oberfläche war, auf der sie gelandet war.

Der Schmerz drang sickernd bis in ihre kleinsten Nervenfasern durch.
Es war ein stechender Schmerz, brennend und prasselnd.
Nun zeigte sie sich allen.
Ihre gesamte Hülle war aufgerissen, das Innere der Außenwelt präsentiert.
Zuletzt bemerkte sie noch die Kälte, die durch ihr durch den Wind entgegenkam. Diese eiskalte Luft grub sich schneidend bis in ihre tiefsten Wunden, und mögen diese Wunden tausendfach kleiner gewesen sein, als sie selbst.
Langsam spürte sie, wie der Tod durch ihren Kopf floss.
Der letzter Gedanke war das Einzige, das sie noch am Leben erhielt.
Jetzt sehen mich alle.
Doch mit ihm verdunkelte sich der sonnige Tag. Zwei oder drei letzte Schläge ihres winzigen Herzens hörte sie noch, bis es verstummte. Ihre Körperflüssigkeiten waren ausgetrocknet. Fest auf der Haube verklebt, starb sie, sich allen zeigend.

Die Abreise

Die Karawane war angekommen. Im rötlichen Licht der Morgensonne glänzten die weißen Kleider der Reisenden. Es war eine größere Gruppe im Vergleich zu vorherigen und sie war besetzt mit völlig neuen Menschen, völlig neuer Hoffnung. Vom Karawanenführer fehlte jedoch jede Spur.

Sarzadeh und Amadeh lernten sich in der Vormittagssonne in diesem Rastlager kennen, die sich Nasut nannte. Sie beide waren großartige Menschen. Ständig lächelten sie, grüßten einander brav, setzten sich mit den anderen ans Lagerfeuer und erzählten sich Geschichten, wie es nunmal fürs Rasten üblich war.
Doch jeden Tag verschwand Amadeh fünfmal, als löse er sich auf. Während Sarzadeh anfangs besorgt war und überall nach seinem Freund suchte und fragte, zog er ihn eines Tages zur Rechenschaft.

"Was ist nur mit dir, Amadeh", fragte er. "Während wir am Feuer singen bist du weg. Während wir mit Murmeln spielen bist du fort".
"Es tut mir leid, Sarzadeh", entschuldigte sich Amadeh. "Ich wusste nicht, dass ihr nicht auch verschwindet. Was ich tue ist, mich auf die Abreise vorzubereiten. Jeden Tag. Ich sammle Wasser, Nahrung, Kleidung und sonstige Dinge, die mir auf der Reise nützlich sein werden".
Sarzadeh lachte spottend. "Welche Wüstenbiene hat dich denn gestochen? Wir sind noch eine Weile hier. Hast du den Karawanenführer gesehen? Wenn er auftaucht, werden auch wir packen. Doch schön ist es in Nasut! Also verschiebe auf morgen, was du im Herzen birgst. Zeit haben wir reichlich".
"Die Zeit ist knapp, sie erscheint nur ewig. Oh, Sarzadeh! Kennst du denn nicht die Geschichte, der zwei gebrüderten Bäume"?
"Nein, kenne ich nicht", antwortete Sarzadeh, "so erzähle sie uns am Lagerfeuer heute Abend".
Mit diesen Worten verabschiedeten die beiden Freunde sich, während der eine sein Gepäck weiter vorbereitete und der andere zum Singen ging.

Zur versprochenen Zeit kam Amadeh zu den anderen ans Feuer. Als er sich mit seinem Rucksack und weiteren Taschen niedersaß, kicherten einige.
"Dieser Mann ist verrückt", hieß es, oder, "Nasut gefällt ihm wohl nicht".
Amadeh hörte sehr wohl, was die Menschen über ihn sagten, doch er ignorierte sie grüßend.
"Die Geschichte der gebrüderten Bäume -", fing er an, doch wurde unterbrochen durch einen lauten befehlshaberischen Schrei.
"Abreise nach Axerat!", brüllte der Karawanenführer.
Das Getümmel brach in Panik aus. Keiner war auf eine plötzliche Abreise vorbereitet.
"Einen Tag noch, eine Stunde noch, ein wenig noch", winselten Sarzadeh und seine Gefolgschaft. Doch der Karawanenführer zeigte keine Gnade.
"Der Zeitpunkt wurde bestimmt".
Amadeh, der die Abreise, die ganze Zeit kaum erwarten konnte, griff nach seinem Gepäck und fing an zu laufen.
Unterdessen umschlang das beißende Seil des Karawanenführers die Beine der vermeintlich Sesshaften und zerrte sie im Wüstensand mit.

Amadeh hatte so viel gesammelt, wie für ihn reichte. Denn auch er war hin und wieder dem Glanz von Nasut verfallen, doch hatte er die Reise nach Axerat nicht vergessen. Deshalb konnte er den andere nichts abgeben, selbst wenn er es versuchte, hätte ihn der Karawanenführer daran gehindert. Amadeh hielt sein Wort und erzählte in der stillen schmerzlichen Nacht die Geschichte der gebrüderten Bäume.

Es waren zwei Bäume.
Es waren zwei Bäume.
Sie waren wie Brüder, kannten sich gut.
Der eine war mächtig, der andere war schmächtig.
Das rührte daher, das rührte daher,
dass der mächtige Baum, seine Wurzeln tief ins Erdreich grub.
Während der andere nur halb verwurzelt, im Gedenken, irgendwann verpflanzt zu werden.
Der Mächtige wusste auch vom Tage, er glaubte oder glaubte nicht an ihn.
Der Schmächtige war sich sicher, hatte nicht anderes erwartet, als diesen Tag.
Als dann der Gärtner kam, da packte er den kleinen Baum an der Wurzel mit seiner Erde und verfrachtete ihn auf eine andere Weide.
Der Große war nicht zu packen, zu schwer war er, die Wurzeln zu tief.
Da blieb dem Gärtner nichts anderes übrig, als den Baum zu fällen.
Die Wurzeln ließ er verrohen;
das Holz legte er in den Ofen.
Es waren zwei Bäume.
Es waren zwei Bäume.
Einer für Weiden, der andere fürs Leiden.

Der tausendjährige Baum

Nachdem ein ehrwürdiger Mann im hohen Alter starb, verwehrte ihm der Todesengel seinen Einlass zum endgültigen Urteil.
“Oh, Todesengel! Wieso lässt du mich nicht hindurch? Gelebt habe ich, getötet hast du mich. Es ist mein gutes Recht zu erfahren, ob ich die Prüfung bestanden habe, oder nicht”.
Der Todesengel aber rührte sich nicht von der Stelle. “Jaja”, sagte er, “aber dein Buch der Taten ist nicht geschlossen”.
Der Tote machte große Augen.
Lächelnd bot der Todesengel ihm einen Schemel an. Er selbst stützte sich auf seine Flügel.
Dann machte er sichtbar für den Mann, was dieser mit seinen Augen nie sehen konnte - die Taten nach seinem Tod.
“Es geht um den Baum, den du seiner Zeit gepflanzt hast”.
“Ein Baum”? Der Tote konnte nicht folgen, “wann habe ich einen Baum gepflanzt?”, fragte er verdutzt.
“Als Jugendlicher. Es war der Nachmittag, an dem dein Großvater gestorben ist. Aber bevor ich es dir erzähle, lass es uns doch einfach sehen. Schau, da bist du”!

Ein Licht erschien im Kopf des Toten. Und es wurde sichtbar, was vor vielen Jahren, an diesem Nachmittag geschehen war.
Der Mann erkannte sich, als Halbwüchsigen, der voller Zorn, Gräser ausriss und Steine kickte.
Seine Wut schien unbändig, bis Gott ihn beruhigte.
Er atmete aus.
Dann setzte er sich unter einen Baum. Doch auch dort war vor dem Schicksal keine Ruhe. Eine faule Birne fiel ihm auf den Kopf.
“Daran erinnere ich mich ganz leicht”, lächelte der Mann mit tränenden Augen.
Der Todesengel lächelte ebenso. “Nun wirst du ins Tal laufen. Die Birne nimmst du mit”.

Der Mann beobachtete sein jüngeres Ich, wie es völlig errötet in eine leeres Feld einlief.
Er hastete und hastete bis er an einen Bach kam. Dann in der Nähe des Baches, grub er ein wenig mit den Fingernägeln. Die Birne legte er ins kleine Loch.
Das musste der Moment sein, der ihm nun den Eingang ins Urteil verwehrte.

“Da. Siehst du? Das ist der Birnenbaum, den du gepflanzt hast”, deutete der Todesengel.
Dem Mann liefen Tränen herunter. Er blieb wortlos.
Der Todesengel drehte sein Handgelenk.
“Lass uns ein wenig die Zeit vorspulen. Das ist jetzt tausend Jahre her”.
Der junge Mann verschwand. Die Landschaft verblieb.
Aus dem Boden spross eine kleine grüne Pflanze.
“Wie?”, schrie der Alte, “so lange liege ich schon”?
Der Todesengel griff ihm an die Schulter. “Das wird dir irgendwer anderes erklären. Ich möchte dir nur die Geschichte deines Baums aufzeigen”.
Der Mann sah enttäuscht zu Boden. Doch er verstand, dass der Todesengel nur seine Arbeit erledigen musste, deshalb ließ er sofort ab. Er schloss wieder die Augen und öffnete sein Herz.

“Nun, in den ersten Jahren wuchsen kleine Früchte”, erzählte der Engel, “Kinder die am Bach spielten, erfreuten sich an ihnen. Schau nur”.
Als der tote Mann die Kinder erblickte, wurde ihm warm ums Herz. Ein schwaches Leuchten erfüllte ihn, teils aus Glück, teils aus Herzensreinheit.

Wieder drehte der Todesengel die Zeit mit seinem Handgelenk. Die Jahre verstrichen binnen Sekunden.
“Auch landeten Vögel auf dem Baum. Als er größer wurde, bauten sie sogar Nester”.
Der Mann schrie vor Freude. “Da ich sehe einen, er zwitschert ja so schön. Doch zwitschert er einsam”!
Der Todesengel schmunzelte. “Er betet. Und zwar für denjenigen, der diesen Baum pflanzte. Auf diese Weise konnte er sich hier ausruhen. Er hat also für dich gebetet. Im Übrigen taten das alle Vögel die hier eine Rast einlegten, oder gar ein Nest bauten”.
Wieder erfüllte das Herz des Mannes mit Glück. Ihm entsprangen Flügel aus den den Schulterblättern. Sie waren aus purem goldenen Licht.

Der Todesengel drehte wieder sein Gelenk und übersprang einige lange Jahre. In diesen Jahren spielten viele Kinder am Baum. Viele Vögel fanden an ihm Ruhe. Der Baum hatte irgendwann einen dicken Stamm und es begannen andere Bäume neben ihm zu wachsen.
“Dann war da dieser Wanderer", sagte der Todesengel. "Er war dem Tode nahe, doch er stillte seinen Durst am Fluss und aß ein paar Birnen. Dankend zog er weiter”.
Die Hände des Toten wurden weiß und rein, alles was er von nun an berührte, würde zu purem Licht.

Ein letztes Mal drehte der Todesengel seine mächtige Hand.
“Nun. Tausend Jahre später also, da kam ein verzweifelter Vater. Er und seine Familie erlebten den kältesten aller Winter. Sie hätte ihn ohne das Holz nicht überlebt. Also dankte eine ganze Familie für ihr Leben. Doch, leider endete so auch die Geschichte des Baumes”.
Die Brust des Mannes leuchtete so stark auf, dass sein Körper durchsichtig wurde.

“Und so schließt sich also mein Buch”?
Der Todesengel gewährte ihm Eingang.

Das Urteil der Münze

Ich bin noch nie in Italien gewesen. Aber wenn es dort Gassen gab - und die gab es mit Sicherheit - mussten sie genau wie diese hier aussehen. Denn immer wenn ich diese Straße nach der Arbeit entlanglief, hatte ich das Gefühl eine italienische Straße zu begehen.
Die gespannten Wäscheleinen zwischen den Fenstern, die spielenden Kinder, die singende Schönheit am Fenster oder die Mundharmonika, die ich hören aber nicht sehen konnte. Die klaren Töne und der Duft hier, zogen durch meinen trüben Verstand - und färbten ihn bunt.

Diese Straße war fast perfekt. Sie war wie aus dem Bilderbuch. Doch da gab es etwas. Etwas, das störte mich an ihr. Was war es nur?
Natürlich. Ein Störenfried. Es war der Bettler. Er war mir nach meinem Sommerurlaub aufgefallen. Bei Feierabend meines ersten Arbeitstages. 
Es war ein schäbig gekleideter Mann. Sein Blick stets grimmig, vor ihm stets sein Pappbecher.
Doch was war das für ein Bettler, der auch noch miesepetrig dreinsah? Glaubte er etwa, so würde er mehr Geld erbetteln? Also ich würde ihm gewiss nichts geben. So, schon garnicht.
Ich hasste diesen Mann nämlich. Ich hasste und verachtete ihn. Wie konnte er nur ein Bettler sein? Wie konnte irgendjemand nur Bettler sein?
Wieso ging er nicht wie alle anderen Menschen einfach arbeiten? Ich wusste es nicht. Doch eine Sache wusste ich. Ich würde ihm nichts geben.
Darüber war ich fest entschlossen. Nicht einmal ansehen wollte ich ihn. Wenn der Umweg nicht zu zäh wäre, wäre ich gewiss nicht einmal durch diese italienische Gasse gelaufen.

Doch von Tag zu Tag wuchs etwas anderes in mir. Es war Mitleid. Denn jeden Tag war der Mann etwas dreckiger, etwas schäbiger. Jedes Mal wenn ich ihn sah, war sein Blick wehmütiger. Auf dem weißen Pappbecher hatten sich jeden Tag ein paar ölige Griffspuren mehr abgebildet.
Das Mitleid, das ich empfand, und das mit meinem vorherigen Zorn zusammenwuchs, entwickelte sich zu seiner Art angeekeltem Mitgefühl. Es war keineswegs liebevolle Barmherzigkeit, die mich zwang, zu tun, was ich tat.
Als ich an diesem Tag nämlich an ihm vorbeilief, da holte ich meinen Geldbeutel heraus und griff nach einer Münze.
Eilig tappte ich zu ihm und warf die Münze - ihm freundlich zulächelnd - in den Pappbecher. Etwas plumpste leise und der Mann sah mich an, als hätte er ein Gespenst gesehen. Dann erhob er sich, während ich völlig errötet in den Becher voller Pfefferminztee sah.
Der Mann wurde ebenso rot. Er jagte mich bis zum Ende der Straße, wo er endlich von mir abließ. Doch es war beschämend.
Woher hätte ich wissen sollen, dass er kein Bettler, sondern ein Arbeiter war. Dass er jeden Tag, als ich Feierabend machte, seinen Pausentee genoss und der Mundharmonika und der Schönheit am Fenster zuhörte?
Doch wusste ich von nun an eines gewiss, ich hatte über ihn geurteilt und das hatte einen ekelhaften Menschen aus mir gemacht. Wie der Tee, der die dreckige Münze beherbergte und somit zum Ausschütten verurteilt wurde.

Der größte Gelehrte aller Zeiten

Meine Großeltern haben mir diese Geschichte erzählt. Und stetig habe ich sie bei anderen erfragt. Ich erzählte mir sie auch selbst gelegentlich. Immer dann, wenn ich die Hoffnungen aufgeben wollte. Immer dann, wenn ich ganz unten war. Am Boden.
Überall im Lande kennt man sie. Die Geschichte des größten Gelehrten aller Zeiten.
Die Geschichte von Anqa.

Was war er nur für ein armer Mann. Dieser Anqa.
Er hatte sie auf dem Feuerfest gesehen und sich sofort in sie verliebt.
Der Ärmste im Königreich, hatte sich in die Tochter des Sultans verliebt.
Seit jeher, hatte er sich oft dem Palast genähert, in der Hoffnung sie am Balkon zu erblicken.
Manchmal sah er sie, manchmal nicht. Doch seine Sehnsucht war gewiss. Und vor allem war sie echt. Er liebte sie, wusste aber, dass er zu arm für sie war.
Die Prinzessin würde ihn niemals ansehen und selbst wenn, war ihre Liebe hoffnungslos. Der Sultan würde seine Tochter niemals einem Schuhputzer geben. Anqa würde eher hingerichtet werden, weil er ein Auge auf sie geworfen hatte.
Auch gab es keine Möglichkeit in den Palast zu gelangen und sie selbst verließ ihn nicht, außer am Feuerfest.
Doch da waren so viele Menschen und so viele Wachen, dass es unmöglich gewesen wäre, zu ihr zu gelangen.
Anqas Lage war also mehr als aussichtslos.
So lebte er vor sich hin und eine schwarze Wolke - der Kummer - war sein stetiger Begleiter.
Eines Tages fand er die Füße eines Gelehrten vor sich. Völlig bescheidene Lederschuhe waren es, die Anqas Blick hoben.
Die beiden gerieten in ein Gespräch und der Verliebte fragte den Gottesmann nach Rat.

"Gehe auf diesen und diesen Berg. Vierzig Tage sollst du dort beten und du wirst bekommen, was du dir erhoffst".

Anqa dachte nach. Zu verlieren hatte er nichts. Also ging er auf den besagten Berg und fing an zu beten. Er betete wie es für die damaligen Gläubigen üblich war. Er beschäftigte sich mit Gott und nur mit Gott und in diesen vierzig Tagen gerieten die weltlichen Dinge mehr und mehr in den Hintergrund.
Am vierzigsten Tag, war seine Seele von irdischen Bedürfnissen völlig befreit und er hatte seine wahre Liebe gefunden.


All diese Dinge - alles was ich sehe, Herr - sind Schatten, unwirklich.

Alle Palmen und alle Berge, sie wähnen Dich im Stillen, Herr.
Die Vögel und Bienen summen und singen ihre Melodien für Dich, Herr.
Widerspenstig ist der Mensch. Der Einzige, der seine Herkunft leugnet und gar vergisst.
Der Einzige, der über den Tod weiß und ihn dennoch ablehnt.
Du hast mich fürwahr gerettet, Herr, vom Dunkeln ins Licht geleitet.
Durch Dich bin ich rein gewaschen. Du hast Deine Barmherzigkeit auf mich regnen lassen.
Gesegnet mit Deiner Geduld, hast Du mich in kürzester Zeit rechtgeleitet.
Erschaffer dieser wundervollen Erde bist Du. Erschaffer der Menschen.
Wie kann ich etwas, das weltlich ist, als meinen Besitz betiteln?
Der Einzige bist Du, den ich anbete. Mein Herz hast du gefüllt. Voll von Liebe ist es nun.
Gleichzeitig bist Du, oh Herr, Hüter aller Geheimnisse meines Herzen.
Den Wolken habe ich mein Geheimnis verraten, dass ich nur Dich liebe, oh Herr.


Unterdessen hatte sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, auf den Bergen lebe ein einsamer Mann. Gottverliebt und gottversprochen. Der größte Gelehrte der Welt.
Und es stimmte. Anqa war ein noch größerer Gelehrter als der Mann der ihm einst den Rat gab, sich in die Berge zurückzuziehen.
Der Sultan schickte seine halbe Armee aus um diesen Mann zu finden, den die Menschen Anqa nannten. Als sie ihn gefunden hatten, brachten sie ihn zum Palast.
Dort stand er vor dem Sultan.

"Die Menschen sagen, du seist ein Gelehrter. Meine Tochter träumte immer von einem Gelehrten als Gatten und du bist wahrlich der größte, den man kennt", sprach der Herrscher. "Nimm meine Tochter zur Frau".

Doch Anqa lehnte dankend ab.
"Ihr könnt mir alle Meere mit samt Fischen darin schenken. Ihr könnt mir alles Gold was ihr besitzt schenken. Mein Platz ist nicht hier. Die weltlichen Dinge habe ich aufgegeben. Ein Gottes Diener bin ich".

Der Sultan war überrascht. Wie konnte ein einsamer Mann wie dieser, seine Tochter ablehnen?
"Nun hör doch! Ich überreiche dir meinen Thron, du wirst Sultan, wenn ich nicht mehr bin! Ich habe keinen Sohn, nur diese eine Tochter. Und sie ist die schönste Frau der Welt".

"Ihr könnt mir alle Paläste der Welt und jegliche Schätze schenken. Ihr könnt mir alles Land mit all seinen Früchten schenken. Ihr könnt mir alle Frauen schenken. Mein Platz ist nicht hier. Die weltlichen Dinge habe ich aufgegeben. Ein Gottes Diener bin ich".

So schickte der Sultan den Gelehrten bestürzt wieder in seine Berge. 
Seine Tochter fing kläglich an zu weinen. Dabei riss sie die goldverzierten Umhänge von ihrem Bett herunter.

Über das Ende der Geschichte, sind sich alle uneinig. Selbst die Gelehrten von Heute.
Die einen sagen, die Tochter habe in dieser Nacht einen Abschiedsbrief geschrieben und sei in die Berge geflohen.
Die anderen meinen, es war der Sultan, der einen Abschiedsbrief schrieb und sein Reich den Menschen überließ. Gewiss ist jedoch, dass der Anqa der größte Gelehrte aller Zeiten war. Noch gewisser ist, dass Hoffnung nicht nur ein Wort ist, sondern eine Lebenskunst.

Ich bin Nomade, weil ich Mensch bin

Ich bin Nomade, weil ich Mensch bin.
Hin und her reisen, ist, was ich begehre.
Hin und her gerissen, ist, was ich bin.

Ich lebte eine Woche hier.
Hundert Jahre dort.
Tausend Jahre woanders.
Die Dauer meiner Rasten waren unterschiedlich.

Andere Menschen habe ich gesehen.
Sie waren sesshaft, nicht wie ich, keine Reisende.
Besaßen Land und Häuser und Heimat.
Es waren viele Gutmütige unter ihnen.
Doch die meisten waren bösartig.
Sie beanspruchten für sich, was nie ihnen gehören würde.

Für ein Häufchen Erde in der Hand, haben sie Blut vergossen.
Sie haben es verteidigt oder gestohlen oder dafür gekämpft.
Als ich über sie urteilte, urteilten sie über mich.

"Hast du denn keine Heimat, die du verteidigst", fragten sie
"Nein, ich bin Nomade", antwortete ich.

"So ziehe weiter", sagten sie, "doch sieh es nicht auf unser Land ab".
"Euer Land?", fragte ich, "wer weiß, wer vor euch diese Erde so nannte".
"Unser Blut liegt hier", entgegneten sie, "wir haben es erkämpft oder verteidigt".
"Gestohlen, von denen die vor euch hier lebten. Wie auch sie, die ebenso stahlen".

"Du bist heimatlos, du bist Nomade, du verstehst das nicht".
"Auch ihr wart Nomaden. Alle Menschen waren Nomaden."
"Wir sind sesshaft, dieses Land gab Gott uns".
"Doch Er gab es euch nicht, damit ihr Blut vergießt".

Doch sie verstanden mich nicht und ich sie nicht.
So zog ich weiter.

Und ich fragte mich - lohnt es für ein Häufchen Erde, das Herz von jemandem zu brechen?
Und ich fragte mich weiter - lohnt es für ein Häufchen Erde, jemanden zu töten?
Und weiter - lohnt es für ein Häufchen Erde, Unruhe zu stiften?
Und weiter - lohnt es, für ein Häufchen Erde, zu kämpfen?

Weder Verteidiger noch Angreifer sollten Sieger sein.
Ein jeder Mörder ist Verlierer.

Für siebzig Jahre Lebenszeit, für ein Häufchen Erde zu kämpfen, um es dann seinem Kind zu erben. Lohnt es denn?

Während ich - ich Nomade - überall zu Gast sein kann?
Ich bin Mensch.
Und das wart ihr auch, bevor ihr Blut vergossen habt.
Vergossen, für ein Häufchen Erde, das nicht euch gehören sollte.
Auch nicht euren Kindern und nicht euren Kindeskindern.

Die Steinriesen

Ich sehe sie. Die beiden Steinriesen.
Stehen da und schauen sich an.
Jeweils auf der anderen Seite der Klippe.
Es gibt keine Hängebrücke dazwischen, nur eine Kluft.
Die Dorfbewohner besuchen sich lange schon nicht mehr. Seit der Erosion.

Manchmal kommt ein Paar zur Schlucht.
Mann und Frau beobachten einander, stundenlang tun sie das. Bis es nachts wird und die Frau abwinkt und wieder geht. Wie haben sie sich wohl kennengelernt?

Und die Steinriesen. Sie grübeln. Was sollen sie tun? Was können sie tun?
Es ist mir bewusst, dass sie sich mögen.

Heute, im Schein des Vollmondes sieht sich das Menschenpaar besonders lange an. Bis tief in die Nacht. Die Steinriesen beobachten das Schauspiel. Es ist Liebe. Das Paar verlässt die Klippen und die Steinriesen erheben sich.
Sie sehen sich an und geben sich ein Zeichen.
Dann zweifeln sie und lassen ab, und geben sich wieder ein Zeichen.
Zweifeln und lassen ab, und besprechen wieder etwas.
Dann verlassen sie die Schlucht und laufen in die Wälder.

Die Erde bebt und die Bäume wackeln, als sie wieder zur Schlucht rennen. Mit einem Satz springen sie aufeinander zu. Die eine Hand klammert sich tief an die Klippe und die andere packt die Hand des gegenwärtigen Steinriesen.

Sie versteinern, lächelnd.

Am nächsten Tag kommt das Paar wieder zur Schlucht. Sie bemerken die Steinbrücke und rennen aufeinander zu und umarmen sich.
Der Handel beginnt bald zu blühen und es werden Stege gebaut.

Kein Herz aus Stein, nein, eines aus Gold, das sich der ewigen Ruhe gab. Sie wurden zur Brücke. Die beiden Steinriesen. Ich sehe sie.

Dorn

Tiefe Nacht. Langsam schleicht sie sich an das Stadtverlies, hebt die Zehenspitzen und schaut ins kleine Fenster. Zwei große runde Augen und ein paar herausragende Finger starren aus der Dunkelheit zurück.
“Was machst du hier?", flüstert es panisch, "geh’ nach Hause"!
“Die Wache schläft, sie macht keine Patrouillen”.
“Das macht es nicht sicherer. Bitte, Heja, mein Engel, geh nach Hause, ich komme zurück - versprochen”.
Ihr fließt eine Träne herunter ein Fluss in der Wüste: “Sie werden dich umbringen”.
“Nein, alles wird gut”, lügt er sie an. Mit dem Tod hat er schon lange abgerechnet. Erst vor ein paar Stunden haben sie sich unterhalten und sich darauf geeinigt, dass der Todesengel keine Schuld hat, sondern lediglich seine Aufgabe erfüllen muss.
“Nichts wird gut”, schluchzt sie und riskiert damit den Geräuschpegel deutlich zu heben.
Er hält sich an den kleinen Gittern fest und dreht sich um, nachsehend ob jemand im Verlies ist, der es hören könnte, “nun geh’ endlich!”, flüstert er dann so laut er kann.
“Unsere Liebe ist ihnen ein Dorn im Auge”, weint sie leise, “deshalb werden sie dich mir wegnehmen”.
Er seufzt müde.

Gestern Mittag war alles noch in Ordnung. Doch einen einzigen Moment haben sie nicht aufgepasst und wurden gesehen.
Dieser einzige Moment, der das Schicksal so verhängnisvoll änderte. Kann Liebe falsch sein, wenn sie doch der Grund für Entstehung neuen Lebens ist?
Oben am großen Hügel, am Geheimplatz beim versteckten Olivenbaum. Wenn Heja bloß ihren kleinen Bruder bemerkt hätte, welcher ihr unauffällig gefolgt war. Obgleich die Frage, der Kleine könnte vom Vater beauftragt worden sein, seiner großen Schwester zu folgen, offen bleibt.
Beim Abendessen zwitscherte der kleine Fink dann - man konnte ihm nicht böse sein, er war ja nur ein Kind - und der Vater zerrte Heja ins Zimmer und benachrichtigte die Stadtwache und das Gericht.
Noch vor Mitternacht war das ganze Haus von Qadah, dem Löwen, der sie liebte, ausgeräumt worden und er - ‘Liebhaber’ hatte ein Wachmann ihn genannt - wurde ins Stadtverlies verschleppt.
Morgen früh würden alle gerufen werden zur Hinrichtung des jungen Mannes, seine Eltern und Geschwister mussten zusehen wie er lebendig verbrannt wurde. Seine Geliebte durfte ebenso zusehen, der Vater ließ es so aussehen, als sei Qadah der Schuldige. Wüsste man, dass die beiden eine verbotene Beziehung führten, hätte man auch sie fesseln und verbrennen müssen.
“Er hat meine Tochter geschändet”, schrie der Vater aber abends lauthals den verschlafenen Stadtrichter an.
Alles was zwischen den beiden geschehen war, war ein Wangenkuss. Die Liebe in seiner unschuldigsten Form - fast heilig.

“Hör zu”, sagt er plötzlich, “du musst verschwinden, bevor dein Vater herausfindet, dass du hier bist, sonst wirst du mitverbrannt, und wenn das geschieht, Heja, mein Engel, dann werde ich dir auf der anderen Seite niemals verzeihen”.
“Lieber verbrenne ich auf dem Scheiterhaufen mit dir, als zuzusehen wie du leidest. Lieber verbrenne ich als meine Liebe zu dir zu leugnen”.
“Ihr da”, schreit plötzlich ein tollwütiger Wachmann und Qadah sagt halblaut zu seiner Geliebten: “Verschwinde sofort nach Hause”!
Doch die mutige Löwin nimmt ihr Gewand ab und offenbart ihr Gesicht.
“Er hat mich nicht geschändet. Ich liebe ihn. Wenn er hingerichtet wird, so tut es mir gleich”.
“Nein sie ist irre!”, hallt es aus dem kleinen Verliesfenster heraus, “ich kenne diese Frau nicht”.
Sie schiebt ihm sofort einen tränenvollen Blick zu.

‘Wie kannst du mich leugnen, wenn ich doch für dich sterbe’, denkt sie.
‘Weil mir dein Leben wichtiger als meine Liebe ist’, denkt er.

Der Wachmann geht mit großen Schritten auf sie zu und packt sie am Arm.
“Wo wohnst du? Ich bringe dich zu deiner Familie”.
“Meine Familie ist da drin, im Verlies”.
Während der Gefangene nichts mehr tun kann, außer sich vor Verzweiflung den Kopf zu kratzen, verliert der Wächter die Geduld.
“Wachen!”, schreit er langgezogen und laut.
Zwei Tölpel mit Speeren erscheinen eiernd. Unterdessen wacht die Nachbarschaft auf. Öllampen erfüllen die Schwärze der Nacht mit einem dumpfen flammigen Licht.
“Steckt sie in ein Frauenverlies”, befiehlt er, “wir haben hier verbotene Liebe. Sie beide sollen am Marktplatz verbrannt und ihre Knochen den Hunden gegeben werden”.
Und dass Liebe der einzige Grund für die Entstehung des Menschen ist, ist diesem Wachmann, diesem mickrigen, unwissenden Menschen, in diesem Moment, völlig egal. Sie haben die Regeln gebrochen, denn die beiden Völker der Stadt dürfen sich nicht vermischen.
“Wie lange habt ihr euch bloß geheim getroffen?”, fragt er noch, bevor sie in Ketten weggebracht wird und der arme Tropf im Verlies laut weint.
Mit seinem Tod hatte er abgerechnet, mit ihrem aber nie und nimmer.
Die ganze Nacht, getrennt von kalten Wänden und schuldigen und unschuldigen Menschen, weinen die beiden. Der Todesengel stattet einen weiteren Besuch ab und er schafft es tatsächlich das Mädchen aufzumuntern.
“Nur noch ein wenig brennen. Ein wenig irdisches Feuer. Nur noch die Dunkelheit vor dem Sonnenaufgang, dann seid ihr vereint”, sagt er, “bemitleide nicht euch - nicht ihn und nicht dich. Bemitleide diejenigen die euch versucht haben zu trennen, die von eurer unschuldigen Liebe redeten, als sei sie eine Schande! Diese sind es, die nicht irdisches Feuer, sondern das schwarze Höllenfeuer schmecken sollen”.

Roter Lichtblitz

“Dann verpiss’ dich doch”.
Diese Worte hallen ständig in seinem Kopf. 50, 60, 80.
Das Gaspedal sinkt unbemerkt.
“Da hast du, ich verpiss’ mich”, sagt er laut im Auto.
Die orangenen Straßenlichter streicheln seine dumpfen Hassgedanken.
“Scheiss’ auf Frauen”. 
Das sagt auch sein Cousin immer. Oh, und er hat nicht wenig erreicht. Selbstständig im Immobilienmarkt und studierter Innenarchitekt. 
Der hat auf Frauen geschissen und jetzt? Jetzt hat er alle und trotzdem sind sie nur Nachtfaltern für ihn. Also Freitag eine andere, samstags immer die Neue und Sonntag eine zum Entspannen.
Unter der Woche ist er arbeiten.
Gedankenblitze. 
“Nur weg hier. Weg von dir und deiner Beziehung. Zwei Jahre hast du mich gekostet.”
Doch die Nacht bietet noch mehr.
Das Atmen der Straße sind die jungen Raser.
Überholen. Links oder rechts, das ist egal.
Rotes Licht, weißes Licht, orangenes Straßenlicht. Solange kein Blaulicht aufblitzt ist alles gut.
Rote Blitze.
Wie viele Autos sind schon an ihm vorbeigezogen? Zum Rasen ist ihm nicht zumute.
Dann die Ampel. Kein roter Blitz, nur ein rotes Licht. Roter Glanz in wartenden Augen.
Hoffnungsvolle Augen? Und sie hält auch an. Gleich links neben ihm.
Schwarze lange Haare. Dezentes Make-Up. Wohlgeformte Augenbrauen. Lange Wimpern. Ein böser Blick oder ein stummer Schrei nach einem ehrlichen Mann.
“Scheiss’ auf Frauen”?
“Ne, nicht auf die”.
Scheibe fährt herunter. Ein Handzeichen. Gegenüber fährt sie auch herunter. Doch die Fahrerin hat es getan, nicht die Beifahrerin selbst.
Vorwurfsvolle Blicke. Wenn Frauen sich anstarren.
“Hey”, unterbricht er die beiden Freundinnen, “ich bin auch noch da”.
“Das sehe ich”, sagt sie ihn arrogant ansehend, “kalte Nacht, oder”?
Aus rotem Schein wird grüner Glanz. Ein aggressives Brummen und die Karre ist weg.
Roter Blitz.
Ihre Blicke schweifen noch an ihm. Hupen.
“Ist gut, ich fahre schon”.
So leicht wird er sich nicht fertig machen lassen. Ein bisschen aufs Gas, dann links rüber.
Und die nächste Ampel. Jetzt steht er links, sieht die Fahrerin an.
Sie ist die Freundin, lockige Haare, heftiger geschminkt und mit einem böseren Blick. Hübsch, aber nicht schön. 
Er schiebt ihr einen dankenden Blick zu. ‘Danke, dass du bei der letzten Ampel die Scheibe deiner Freundin runtergemacht hast’.
Sie lächelt nur. ‘Bitte, aber sie ist ‘ne Nummer zu hoch für dich’.
Dieses Mal gewinnt er. 
Gelbes Licht. Das Pedal am Boden. Quietschen. Motorschreien.
Einmal überholen, vor sie stellen und langsamer werden. Natürlich hupen sie. Mit Licht.
“Ihr Blöden”, flucht er. Hoffen, dass er ihre hoffnungsvollen Augen wieder sieht.
Nächste Ampel, fast die vorletzte.
Jetzt halten sie wieder links.
Scheibe runter, ihre auch.
“Ich habe nie was hübscheres gesehen, Madmoiselle”, sagt er - ein Versuch ist es wert - sie ist es wert.
“Das sagen viele und allesamt sind sie Heuchler, was wird dich also unterscheiden?Du Raser wie alle”.
Gedankenblitze. Die Ex fällt ihm ein. Vor einer halben Stunde war er noch vergeben.
“Weißt du, ich rede nicht viel, Taten sind schwerer als Worte”.
Gelb und Grün, Scheiben hoch, Gas geben.
Wieder verschwimmen Blicke.
“Schwarzes Auto, dicker Motor, das ist der Wagen ihres Bruders, der krumme Geschäfte macht”.
Auspuff, Rauch. Motoren gilt keine Gnade.
Vorletzte Ampel.
Scheibe runter. Leidenschaftlicher Blick. ‘Vielleicht funktionierts’.
Sie macht mit. “Schickes Auto”.
Er erwidert: “Ist mein eigenes, gehört nicht meinem Bruder”.
Fahrerin neben ihr lacht: “Na und”?
Sie selbst lächelt nur, dann fragt sie: “Was also ist anders an dir”?
“Alles”.
In Gedanken.
‘Dich werde ich heiraten, deine beste Freundin soll ruhig neidisch sein’.
Gelber Schimmer, Vollgas, ein letztes Mal.
Er sieht nach vorne, die anderen Autos sind nur Hindernisse. 
Keine Menschen darin, niemand bedeutendes.
Letzte rote Ampel. ‘Bei Gott, es gab keine Grüne’, dankt er.
Letzte Chance.
Scheibe runter, andere auch.
“Du wirst mir gehören. Nicht jetzt, nicht heute, aber man sieht sich zweimal im Leben”.
Sie lächelt. ‘Er hat verstanden’.
Beim zweiten Mal wird es nicht zu spät sein.
Sie wird warten, er wird zur rechten Zeit kommen.
Weil er anders ist. Risikofreudig.
Das Risiko in Kauf genommen sie nie wieder zu sehen.
“Scheiss’ auf Frauen, ja, aber nicht auf die hier”.
Namenlose Schönheit. Ausdrucksvollster aller Blicke.
Gelbes Licht, grünes Licht. Roter Blitz. Rotes Blitzlicht.

Der milde Richter

Der milde Richter war ein gutmütiger Mann. Nie wollte er jemandem etwas Böses tun. Er wollte lediglich für Recht und Gerechtigkeit kämpfen. Er war ein gefragter Richter, beliebt unter den Rechtsanwälten, kritisiert unter den Linksanwälten. Täglich bekam er drei Angeklagte zur Verurteilung, er sprach sie alle frei. Ob das mit seiner Milde oder der Unschuld der Angeklagten zusammenhing, konnte keiner sagen, denn war eine Klage geschlossen, so war sie für immer geschlossen.
An jenem Tag fand die Klage gegen einen gutaussehenden jungen Mann, mit knochigen Gesichtszügen und vollen Backen, statt. Er war einer dieser Männer deren Augen sich leicht verkleinerten wenn er lächelte und er bekam auch Grübchen. Er hatte einen kurzen Bart und seitlich kurze Haare. Oberhalb waren die braunen Haare lang und glänzend, und sie passten gut zu seinen grünen Augen. Ein ausdrucksvoller Blick, der den Richter sofort durchschoss.
"Sie sind hier im Gerichtshof des Lebens der Lebenden", eröffnete der milde Richter, "eines Tages werden sie im Gerichtshof des Lebens der Toten sein, wie ich, und alle Anwälte. Heute aber, sind sie hier. Sind sie damit einverstanden? Nicken sie kurz". Der Angeklagte setzte einen ernsten Blick auf und zog sein Jackett aus, nickte kurz und strich sich durch die Haare. "Lieber Herr Linksanwalt, lesen sie die Klage", hämmerte der Richter und sah dabei zu seiner Linken. Dort tuschelten ein paar Anwälte und einer, der vermutlich auch der Anführer der Meute war, stand mit einem Pergament auf: "Die Klage lautet Ehebruch. Verklagt durch seine Frau, verklagt auf lebenslange Gefangenschaft, als Beweis der Klage legt sie ihr Herz vor". Der Richter wandte sich den Zuschauern im Saal zu, "so erhebe dich". Eine hübsche Frau erhob sich, "mein gebrochenes Herz lege ich vor", korrigierte sie den Linksanwalt und setzte sich langsam und leise wieder nieder.
"Möchten sie aussagen, Angeklagter?", fragte der milde Richter seine Pflicht erfüllend.
"Ich", begann der Angeklagte, "möchte nicht aussagen, mein Rechtsanwalt wird das für mich übernehmen".
"So schweigen sie", sagte der Richter und warf einen strengen Blick nach rechts, "das ist ihr gutes Recht". Unter leisem Gewinsel im dunklen Saal - vermutlich der Ehefrau des Angeklagten zuzuordnen - rief der Richter eine Frau als Zeugin auf. Das Klopfen ihrer Schuhe, verursachte einen Lärm und ließ die Kerzen flackern. Sie hatte lange dunkle Haare und volle weiche Lippen. Leicht rote Wangen und einen schlanken und doch runden Körper. Eine Frau wie die Mutter Eva.
"Sie sind als Zeugin geladen, sie kennen die Schuld des Angeklagten?", dabei musste der Richter sich zusammenreißen, Eva nicht in die Augen zu schauen, aus Angst, er würde wieder zu mild sein.
"Ich kenne die Unschuld des Mannes. In der Selbstverständlichkeit seines Handelns, mich zu lieben und der versuchten Tötung seiner Frau, sehe ich keine Schuld, sondern Selbstverständlichkeit", war die Aussage, während die Frau des Angeklagten noch lauter winselte, vielleicht schon weinte, dann fügte die Evafrau hinzu, "aber sie war standhaft - starb nicht".
Der Linksanwalt hob die Hand, beflüsterte sich mit dem Richter und meldete sich dann zu Wort, "haben wir irgendwelche Hinweise auf Mord in der Akte des Angeklagten"?
Der Richter ließ die Frau sich wieder setzen und musste sich seiner Schaulust widersetzen. "Hiermit rufe ich den Bruder des Angeklagten als Zeugen auf", hämmerte er. Der Rechtsanwalt kicherte unterdessen mit dem Angeklagten. Der arme Tropf, der jetzt aus den Zuschauerplätzen heraustrat, konnte wohl kaum der Bruder des Angeklagten sein. Er hatte buschige Augenbrauen, lange zerzauste Haare und einen langen wirren Bart. Seine Statur war im Gegensatz zu der seines Bruder nur knochig, sein Gesicht war heruntergekommen und letztlich war er zwei Köpfe kleiner als der Schönling.
"Sie haben eine Aussage über Morde zu treffen?", fragte der Richter.
"Ja, Herr Richter".
"So sprechen sie", übergab der Richter das Wort. "Mein Bruder - ich weiß wir waren noch ziemlich klein - hat meine Fische getötet".
Der Rechtsanwalt des Angeklagten warf sofort ein: "Und jung, nicht zu vergessen. Sie beide waren auch jung"!
Der Richter sah den Linksanwalt an, woraufhin dieser sprach: "Das ist egal, Herr Kollege. Obwohl der Mord an diese Fische Teil eines anderen Prozesses sein mag - ich finde zwar nichts in meinen Unterlagen, vermutlich fand nämlich keine Klage statt - empfinde ich die Sache als ausschlaggebend. Dieser Mann zeigt keine Scheu zu töten. Weder emotional, noch real. Meines Erachtens nach schuldig".
Der milde Richter bedankte sich beim Linksanwalt und schickte den Bruder zurück zu den Zuschauern.
"Ich möchte das Urteil verkünden, erheben sie sich bitte", während alle sich erhoben fuhr er fort, "der Angeklagte wird im Anbetracht seiner Klagen frei gesprochen. Im Rahmen der Selbstverständlichkeit seiner Handlung, der Verzeihung von Kindesfehlern und dem Neid des Bruders aufgrund Schönheit, möchte ich dem Angeklagten Milde zeigen".
Wenige waren überrascht und dennoch fanden sie Logik im Urteil. Doch dann erhob sich der Bruder des Angeklagten: "Bist du wirklich mild oder nur leicht zu täuschen"?
Solche Worte waren im Gerichtshof des Lebens der Lebenden nicht verzeihlich und der arme Mann geriet in die Strafe die sein Bruder hätte leben müssen, wenn er für schuldig erklärt worden wäre.

"Der milde Richter" ist online! Viel Spaß beim Lesen! Kritik, Feedback, Anregungen, Interpretationen - wie immer, alles erwünscht :)
Posted by Ikdrawingz on Sonntag, 13. März 2016