Der milde Richter

Der milde Richter war ein gutmütiger Mann. Nie wollte er jemandem etwas Böses tun. Er wollte lediglich für Recht und Gerechtigkeit kämpfen. Er war ein gefragter Richter, beliebt unter den Rechtsanwälten, kritisiert unter den Linksanwälten. Täglich bekam er drei Angeklagte zur Verurteilung, er sprach sie alle frei. Ob das mit seiner Milde oder der Unschuld der Angeklagten zusammenhing, konnte keiner sagen, denn war eine Klage geschlossen, so war sie für immer geschlossen.
An jenem Tag fand die Klage gegen einen gutaussehenden jungen Mann, mit knochigen Gesichtszügen und vollen Backen, statt. Er war einer dieser Männer deren Augen sich leicht verkleinerten wenn er lächelte und er bekam auch Grübchen. Er hatte einen kurzen Bart und seitlich kurze Haare. Oberhalb waren die braunen Haare lang und glänzend, und sie passten gut zu seinen grünen Augen. Ein ausdrucksvoller Blick, der den Richter sofort durchschoss.
"Sie sind hier im Gerichtshof des Lebens der Lebenden", eröffnete der milde Richter, "eines Tages werden sie im Gerichtshof des Lebens der Toten sein, wie ich, und alle Anwälte. Heute aber, sind sie hier. Sind sie damit einverstanden? Nicken sie kurz". Der Angeklagte setzte einen ernsten Blick auf und zog sein Jackett aus, nickte kurz und strich sich durch die Haare. "Lieber Herr Linksanwalt, lesen sie die Klage", hämmerte der Richter und sah dabei zu seiner Linken. Dort tuschelten ein paar Anwälte und einer, der vermutlich auch der Anführer der Meute war, stand mit einem Pergament auf: "Die Klage lautet Ehebruch. Verklagt durch seine Frau, verklagt auf lebenslange Gefangenschaft, als Beweis der Klage legt sie ihr Herz vor". Der Richter wandte sich den Zuschauern im Saal zu, "so erhebe dich". Eine hübsche Frau erhob sich, "mein gebrochenes Herz lege ich vor", korrigierte sie den Linksanwalt und setzte sich langsam und leise wieder nieder.
"Möchten sie aussagen, Angeklagter?", fragte der milde Richter seine Pflicht erfüllend.
"Ich", begann der Angeklagte, "möchte nicht aussagen, mein Rechtsanwalt wird das für mich übernehmen".
"So schweigen sie", sagte der Richter und warf einen strengen Blick nach rechts, "das ist ihr gutes Recht". Unter leisem Gewinsel im dunklen Saal - vermutlich der Ehefrau des Angeklagten zuzuordnen - rief der Richter eine Frau als Zeugin auf. Das Klopfen ihrer Schuhe, verursachte einen Lärm und ließ die Kerzen flackern. Sie hatte lange dunkle Haare und volle weiche Lippen. Leicht rote Wangen und einen schlanken und doch runden Körper. Eine Frau wie die Mutter Eva.
"Sie sind als Zeugin geladen, sie kennen die Schuld des Angeklagten?", dabei musste der Richter sich zusammenreißen, Eva nicht in die Augen zu schauen, aus Angst, er würde wieder zu mild sein.
"Ich kenne die Unschuld des Mannes. In der Selbstverständlichkeit seines Handelns, mich zu lieben und der versuchten Tötung seiner Frau, sehe ich keine Schuld, sondern Selbstverständlichkeit", war die Aussage, während die Frau des Angeklagten noch lauter winselte, vielleicht schon weinte, dann fügte die Evafrau hinzu, "aber sie war standhaft - starb nicht".
Der Linksanwalt hob die Hand, beflüsterte sich mit dem Richter und meldete sich dann zu Wort, "haben wir irgendwelche Hinweise auf Mord in der Akte des Angeklagten"?
Der Richter ließ die Frau sich wieder setzen und musste sich seiner Schaulust widersetzen. "Hiermit rufe ich den Bruder des Angeklagten als Zeugen auf", hämmerte er. Der Rechtsanwalt kicherte unterdessen mit dem Angeklagten. Der arme Tropf, der jetzt aus den Zuschauerplätzen heraustrat, konnte wohl kaum der Bruder des Angeklagten sein. Er hatte buschige Augenbrauen, lange zerzauste Haare und einen langen wirren Bart. Seine Statur war im Gegensatz zu der seines Bruder nur knochig, sein Gesicht war heruntergekommen und letztlich war er zwei Köpfe kleiner als der Schönling.
"Sie haben eine Aussage über Morde zu treffen?", fragte der Richter.
"Ja, Herr Richter".
"So sprechen sie", übergab der Richter das Wort. "Mein Bruder - ich weiß wir waren noch ziemlich klein - hat meine Fische getötet".
Der Rechtsanwalt des Angeklagten warf sofort ein: "Und jung, nicht zu vergessen. Sie beide waren auch jung"!
Der Richter sah den Linksanwalt an, woraufhin dieser sprach: "Das ist egal, Herr Kollege. Obwohl der Mord an diese Fische Teil eines anderen Prozesses sein mag - ich finde zwar nichts in meinen Unterlagen, vermutlich fand nämlich keine Klage statt - empfinde ich die Sache als ausschlaggebend. Dieser Mann zeigt keine Scheu zu töten. Weder emotional, noch real. Meines Erachtens nach schuldig".
Der milde Richter bedankte sich beim Linksanwalt und schickte den Bruder zurück zu den Zuschauern.
"Ich möchte das Urteil verkünden, erheben sie sich bitte", während alle sich erhoben fuhr er fort, "der Angeklagte wird im Anbetracht seiner Klagen frei gesprochen. Im Rahmen der Selbstverständlichkeit seiner Handlung, der Verzeihung von Kindesfehlern und dem Neid des Bruders aufgrund Schönheit, möchte ich dem Angeklagten Milde zeigen".
Wenige waren überrascht und dennoch fanden sie Logik im Urteil. Doch dann erhob sich der Bruder des Angeklagten: "Bist du wirklich mild oder nur leicht zu täuschen"?
Solche Worte waren im Gerichtshof des Lebens der Lebenden nicht verzeihlich und der arme Mann geriet in die Strafe die sein Bruder hätte leben müssen, wenn er für schuldig erklärt worden wäre.

"Der milde Richter" ist online! Viel Spaß beim Lesen! Kritik, Feedback, Anregungen, Interpretationen - wie immer, alles erwünscht :)
Posted by Ikdrawingz on Sonntag, 13. März 2016

Der Zauberer

Einst vor langer Zeit. Als die Menschen noch wild waren, zwar keine Nomaden, doch trotzdem nicht zahm. Da lebte ein Wicht unter ihnen. Ein böser Mann. Ein Zauberer.
Seine Berufung war es, Bäume zu pflanzen, deren Früchte Menschen in Ungeheuer verwandelten und ihnen auch dieselben Kräfte gaben.
Doch die Menschen schienen wenig Interesse an diesem Mann zu haben. Sie betrieben ihren Acker, ernährten ihre Familien und besuchten einander. Sie waren glücklich mit sich und glücklich mit der Welt.
Dem Zauberer waren aber andere Lasten erwählt. Seiner Familie ging es zwar wie allen anderen, doch er war nicht zufrieden. Sein Wille war voller Hass und Gier. Und jeder weiß - selbst das kleinste Kind - dass wer zufrieden ist, glücklich ist; wer aber nicht dankbar ist, sondern immer mehr möchte, die simplen Freuden des Glückes nicht spüren darf.
Nun denn, Not macht erfinderisch, und so beschloss der Zauberer zu Azrak, einem einfachen Bauern rechts vom Flusse zu gehen.
"Willkommen, Bruder. Lang haben wir uns nicht gesehen? Wie geht es dir? Was macht das Geschäft?", begrüßte ihn Azrak.
"Mein Freund, gut geht es mir. Die Geschäfte laufen. Doch habe ich Schlechtes von euch gehört", waren die ersten Worte des Zauberers.
Azrak war verwirrt: "Von uns hört man nichts Schlechtes. Mit Allem und mit Jedem verstehe ich mich."
Der Zauberer begann giftigen Lügendampf zu äußern: "Ahmar. Der Bauer links vom Fluss. Er pinkelt in die Flüsse und in euer Trinkwasser. Seine Söhne klauen euren Mais".
Als Azrak das hörte, entbrannte in ihm eine Wut. Der Zauberer führte Azrak eine Illusion vor, in der er sehen konnte, wie Ahmar die Taten, die der Zauberer genannt hatte, vollzog.
"Diesen räudigen Dieb werde ich mir holen!"
In der Wut des Bauern verschwand der Wicht und ritt zu Ahmar, dem Bauern links des Flusses. 
"Ahmar! Grüße dich! Azrak ist unterwegs!"
Ahmar war über den Besuch erfreut, und rief: "Na, dann freue ich mich auf eure Gesellschaft"!
"Lass uns hineingehen, ich bringe Mais zu für das Mahl. Aber höre, Azrak hat den Verstand verloren. Nimm diesen Pfirsichkern und schlucke ihn roh, falls du merkst, dass Azrak dir Leid zufügen will."
Ahmar war verwirrt, dachte sich aber, der Wicht ist ein wenig verrückt und steckte den Kern in die Tasche ein.
Er richtete einen Tisch vor der Hütte her und servierte den Mais des Zauberers. 
"Ahmar! Ahmar!", krakeelte es aus der Ferne, "du Flusspisser! Dich kriege ich! Ah! Und da ist der Mais"!
Azrak zückte eine Schleuder und traf Ahmar am Kopf. Der Zauberer war längst hinter den großen Bäumen und beobachtete das Schauspiel. Zwei Männer, die sich vor den Augen der Familie bis zum Blut stritten. Als Ahmar plötzlich etwas aus der Tasche holte und in den Mund nahm, verwandelte er sich in einen Affen und schlug Azrak in die Flucht. 
Die ängstlichen Kinder Ahmars traten weinend zu ihm und umarmten den Primaten. 
Nach einer Zeit verwandelte sich der Mann zurück und der Zauberer trat hervor. 
"Du hattest Recht! Würde er noch einmal hier aufkreuzen, ich würde ihn vernichten"!
"Hier, so nehme diese Kerne, sie verwandeln dich in mächtige Tiere! Aber es sie kosten", bot der Wicht an. 
Ahmar nahm an und bezahlte das Geld.
"Ich verabschiede mich. Vergiss nicht, dass Sicherheit vorgeht"! 
Unterdessen verabschiedete sich der Zauberer und ritt zurück zu Azrak.
Der arme Bauer wurde von seiner Frau gepflegt, doch die Wut war nur heißer geworden. Sie kochte und brannte sein Herz zu einem schwarzen Stein. "Ich werde diesen Flusspisser bezahlen lassen, diesen Ahmar!", schrie er beim Anblick des Zauberers.
Der Zauberer grinste heimtückisch: "Nehme diese Kerne, dann kannst du dich auch in ein Tier verwandeln. Er hat auch Kerne, nur von einem anderen Zauberer geklaut".
Azrak bezahlte für die Kerne.
Mit diesem Wort verabschiedete er sich und ging in sein Lager zurück. Er erzählte seiner spitznasigen Frau vom neuen Geschäft.
Mit der Zeit erfand der Zauberer neue Kerne und mehr und mehr Kunden wollten Affen, Wölfe, Ochsen und Bären werden, um ihre Feinde in die Flucht zu schlagen.
Bald schon wurde der Zauberer der reichste Mann der Welt.
Seine Kinder taten es ihm gleich und die Kindeskinder ebenso.

Die Glatze meines Vaters

Ein schmerzlicher Moment. Wirklich.
Ich kann mich noch ganz genau erinnern als du mir das erste Mal Unrecht gabst, Vater.
Es war ein Sommertag und wir sind beim Kindergarten vorbeigelaufen - das muss jetzt achtzehn Jahre her sein - da gabst du mir Unrecht.
Dort waren nämlich ein paar Kinder in meinem Alter, vier oder fünf, und einer rief laut "Papa" zu seinem Vater. Ich habe dich angesehen während du meine Hand hieltst und ich sagte: "Baba, die sagen das falsch gä? Es heißt Baba und nicht Papa".
Und dann kam der Moment - ich weiß natürlich nicht was du genau sagtest, eben so etwas wie: "Nein, das ist auch richtig". Der kleine Junge der immer Recht bekam, bei allem was er sagte, das erste Kind der Familie, wurde plötzlich verneint. Ich gebe zu, die härteste Kindheit ist das nicht, aber ein prägendes Ereignis für die Entfaltung des Charakters.
Dann irgendwann, ich muss sieben gewesen sein, du hast ferngesehen und ich wollte unbedingt deine Aufmerksamkeit, da steckte ich natürlich die Hände tief in die sowieso viel zu enge Hose und hopste durch das Wohnzimmer. Genau deinen Blick kreuzend erhoffte ich mir Aufmerksamkeit: "Baba, guck mal ich hab' keine Hände"!
Wahrscheinlich hast du nicht geschaut und als ich mich vergewissern wollte bin ich gestolpert. Es wäre ja auch alles gut gegangen wenn die Hände nicht in der Hose stecken geblieben wären.
Ich kann mich noch dumpf an den Schmerz erinnern. Der vordere Schneidezahn lag mit etwas Blut auf dem Teppich vor meinen Augen, die Hände befreiten sich nach dem Fall natürlich.
Du und Mama sind sofort hergerannt - wie auch nicht bei dem Geschrei.
Meine kleine Schwester war wohl noch ein Baby und schlief in irgendeinem Zimmer.
Ja, Baba. Das sind meine Erinnerungen.
Du hast mich stets gefördert: Fußball, Wing Tsung, Judo und die vielen Druckpapierblätter.
Oh, wenn auch nur ein Strich nicht stimmte habe ich das ganze Blatt weggeworfen. Ich habe als Dreikäsehoch liebend gerne gezeichnet und am liebsten Pferde und ich hatte so viele kleine Pferde, das kann man sich kaum vorstellen. Noch heute gibt es ein oder zwei, mit denen jetzt mein kleiner Bruder spielt. Ja, Baba.
Irgendwann in der Pubertät und bis Ende des Studiums entstand dann dieses große schwarze Loch, wo wir nicht viel miteinander zu tun hatten. Ich hatte andere Prioritäten und ich glaube das geht allen Jugendlichen so,  schade eigentlich. Aber es ist nunmal nötig. Das Leben ist ja schließlich nur ein einziges Lernen loszulassen. Ständig müssen wir loslassen. Die Mutter ihr Kind bei der Geburt, der Liebende seinen Partner beim Tod.
Irgendwann werden wir auch loslassen müssen, aber nicht nur wie im Studium, sondern richtig, und ich muss gestehen, ich fürchte mich vor diesem Tag. Denn noch immer stehst du wie ein großer Berg hinter mir und bei allen Angelegenheiten weiß ich, dass ich jemanden habe auf den ich mich verlassen kann. Ich kann auf eigenen Beinen stehen, ja. Aber ich würde fallen wenn du weg wärst. Meine Beine würden protestieren, Baba.
Und ein schmerzlicher Moment war es als du mich gebeten hattest deine Haare zu schneiden und ich sie aus voller Nähe sah - deine Glatze. Die Glatze war nicht schlimm, sie sah auch nicht besonders schlimm aus, aber sie war ein Zeichen. Eine Erinnerung. Als ich sie sah, wurde mir klar, dass auch du alt wirst und nicht nur ich und dass uns die Zeit davonläuft, Baba. Dieser Moment - so ernüchternd er auch war - hat weh getan, tief im Herzen. Wie gerne ich hätte, dass du mir wieder Unrecht geben könntest. Aber mittlerweile ist das nicht mehr so einfach. Zuerst gab es natürlich nur die eine Wahrheit. Die Wahrheit der Eltern. Sie stimmte bedingungslos. Dann kamen andere dazu und die Wahrheit entglitt mir irgendwie. Was du da erzählt hast, klang schön, aber ich konnte mir nicht mehr sicher sein, ob es die Wahrheit war.
Jetzt ist es schmerzlich, da du mir nicht mehr nur Unrecht geben kannst. Weil ich erwachsen und meine eigene Wahrheit und mein eigenes Rechtsverständnis habe. Es ist schmerzlich weil ich mich ganz genau an den Tag erinnere, an dem du mir zum ersten Mal Unrecht gabst. Und wenn ich könnte würde ich zurück in diese Tage reisen. Ich würde nicht meinen Schneidezahn, sondern sie alle samt hergeben dafür, meine Zähne. Doch ich kann nicht, Baba. Und noch etwas: Verzeih mir die vielen Druckblätter.


Ein schmerzlicher Moment. Wirklich.Ich kann mich noch ganz genau erinnern als du mir das erste Mal Unrecht gabst,...

Kinderserie erklärt die Welt?


Heute geht es um die Zeichentrickserie "Avatar - der Herr der Elemente". Ich möchte im Nachfolgenden eine Folge der Serie näher analysieren und sie mit unserer Gesellschaft vergleichen.

Kurze Info: Die Serie erscheint auf dem Sender Nickelodeon 2006 zum ersten Mal in Deutschland.


Der Herr der Elemente
Die Protagonisten mit dem Avatar im Vordergrund, Bild aus btchflcks.com
Für alle die die Serie nicht kennen, eine kleine Zusammenfassung:

Man stelle sich eine Welt mit vier großen Nationen vor. Jede Nation stellt ein Elemente der chinesischen Antike dar. Also Feuer, Wasser, Luft und Erde. Die Bewohner der jeweiligen Nationen sind in der Lage ihr Element zu "bändigen". Das bedeutet dass ein Bewohner der Feuernation Feuer speien kann oder es aus den Händen wirft.

Ein Bewohner der Wassernation kann Wasser in Eis verwandeln und es in die Luft schweifen. Es gibt auch Bewohner die ihr Element nicht bändigen können, sie gelten als Nichtbändiger.
Der Hauptcharakter ist der Avatar, welcher durch hartes Training in der Lage ist, alle Elemente zu beherrschen und im Falle eines Krieges - der in der Geschichte der vier Nationen nicht selten vorkommt - Frieden und Gleichgewicht wieder herzustellen. Weitere Fähigkeiten sind, dass er mit Geistern kommunizieren kann, die in der Storyline primär für Höhe- oder Wendepunkte sorgen. Der Avatar wird bei Tod, in einer anderen Nation wiedergeboren. In der Serie geht es um den Luftbändiger-Avatar Aang.
Zu seinen Lebzeiten tobt ein Krieg den die Feuernation gegen den Rest der Welt führt. Da der Feuernation bewusst ist, dass der Avatar laut Zyklus ein Luftbändiger ist - der vorherige war Feuerbändiger - machen sie erfolglos Jagd auf ihn.
Am Ende der Serie gelingt es Aang den Herrscher der Feuernation außer Gefecht zu setzen. Doch nun zur eigentlichen Interpretation, zumal man anhand der Story schon sicher Parallelen zu unserer eigenen Gesellschaft gefunden hat.
Im Erdkönigreich existiert eine riesige Stadt namens Ba Sing Se. Aufgrund der unvorstellbar hohen Mauern gelingt es der Feuernation auch nach hundert Jahren nicht, die Stadt zu erobern.
Dies ist ein Teilgrund warum der Avatar und seine Gefolgschaft der Stadt einen Besuch abstatten möchten. Durch ein Gespräch mit dem Erdkönig erhoffen sie sich unter anderem eine Offensive gegen den Feind, da sie kurz vorher eine Schwachstelle aufdecken: Bei Sonnenfinsternis sind die Feuerbändiger nämlich nicht in der Lage das Feuer zu bändigen und somit schutzlos.

Niemand weiß vom Krieg

Als die Protagonisten die Stadt betreten werden sie sofort von einer Empfangsdame willkommen geheißen. Sie bestehen darauf mit dem König zu sprechen um die Schwachstelle der Feuernation zu offenbaren. Die Dame allerdings blockt mit den Worten "Hier sind alle sicher" ab. Die Stadt wird mit einer Tour vorgestellt und es stellt sich heraus, dass es auch Innerhalb, mehrere Mauern gibt. Untere Gesellschaftsschichten leben auch weiter außerhalb und je näher man dem Kern ist, desto gehobener sind die Menschen.
Der Avatar und seine Freunde bekommen eine Wohnung in höheren Kreisen und werden damit abgespeist, dass sie eine Vorladung zum König erst in den nächsten Wochen erhalten könnten. Das alles ist Team Avatar nicht geheuer und deshalb fragen sie immer wieder verschiedene Leute nach dem König und dem Krieg - doch sie bekommen keine Antwort. Die Empfangsdame folgt ihnen auf Schritt und Tritt und verhindert durch Mimik den Befragten die richtige Antwort zu geben. Beispielsweise wird ein Student befragt, warum denn keiner vom Krieg Bescheid wüsste, doch er verschwindet ängstlich schnell mit dem Vorwand, er sei kein Politikstudent.
Als sie die Empfangsdame abschütteln kommen sie zufällig bei einem niedrigen Staatsmann vorbei. Auch dieser ist bei dem Wort Krieg total ängstlich und rät ihnen nur, nichts davon zu sagen und sich unbedingt vom Dai Li fernzuhalten.
Die Dai Li ist eine Organisation aus extrem gut ausgebildeten Erdbändigern. Außerdem agiert sie als eine Art Polizei. 

Der Herr der Elemente
Eine von vielen Empfangsdamen, Bild aus vignette2.wikia.nocookie.net


Die Party

Avatar Aang und seine Freunde erfahren von einer Party in der hohe Leute beim Erdkönig eingeladen sind und sie schleichen sich als Kellner und Besucher ein um an den König ranzukommen. Allerdings fallen sie zu stark auf und werden kurzerhand vom Dai Li weggebracht. Der Anführer des Dai Li stellt sie zur Rede und gibt bekannt, dass der Krieg unter keinen Umständen innerhalb der Mauern erwähnt wird. Somit soll eine Massenpanik verhindert werden und Ba Sing Se bleibe das "letzte Utopia auf Erden". Der Plan über die Schwachstelle der Feuernation wird auch nicht angehört. Des Weiteren stellt sich heraus, dass die Empfangsdame eine von vielen ist und auch eine Mitarbeitern des Dai Li.

Der König

Später gelingt es Team Avatar den König aufzufinden, doch zur großen Verwunderung aller weiß der Erdkönig nichts vom Krieg. Es beginnt förmlich ein Wettbewerb zwischen Aang und seinen Freunden, und dem Anführer des Dai Li, Beweise zu finden oder zu verdecken die den Krieg zur Feuernation offenbaren. Als der König zuletzt bis zur äußersten Mauer kommt, lässt er sich überzeugen, als jahrealte Kriegsspuren an der Mauer vorgeführt werden.
Der König ist lediglich eine Marionette und Vorzeigefigur und der Anführer des Dai Li zieht eigentlich die Fäden. Tatsächlich arbeitet die Dai Li im späteren Verlauf sogar mit der Feuernation zusammen.

Der Herr der Elemente
Dai Li Agenten, Bild aus comicvine.gamespot.com

Nun zur Interpretation

Ich möchte der Reihe nach die einzelnen Elemente der oben aufgeführten Zusammenfassung analysieren und auf unsere eigene Gesellschaft übertragen.
Die Analogie zu unserer Welt sind die vier Nationen. Es wird zusammengefasst dargestellt, dass es auf unserer Welt verschiedene Völker und Kulturen gibt, welche jede ihre eigenen Stärken und Schwächen haben.

Die Empfangsdame

Sie ist nur eine von vielen und ein ständiger Begleiter. Außerdem verhindert sie ständig, dass Team Avatar an Informationen über Krieg oder König kommt. Es wäre denkbar, dass sie für heutige Medien steht. Gerade die Tatsache, dass sie überall hin mitkommt bekräftigt das Argument - Smartphone? Die Protagonisten erfahren eine Menge über die Stadt und erhalten ein großes Haus. Die wahren Information bleiben ihnen aber verborgen. Wenn man weiterdenkt könnte die Empfangsdame also genauso gut das Fernsehen, das Internet oder explizit die sozialen Netzwerke darstellen - ihr Spektrum ist breit. Sie steht eben für all die Dinge, die uns die wahren Informationen verbergen wollen und andere auftischen.

Dai Li und König

Die Dai Li ist bei genauerer Betrachtung also nicht nur die Polizei, sondern auch eine Art Geheimdienst. Sie regelt die Außenbeziehungen des Landes und lässt den König in Unwissen stehen. Dieser symbolisiert den gewöhnlichen Staatsführer. In unserem Fall z.B. Kanzler oder Präsident. Das wahre Geschehen erfährt aber auch er nicht (erst als er darauf aufmerksam gemacht wird). Er wird praktisch als Vorzeigefigur und Marionette benutzt. Das Volk liebt ihn - die gehobenen Menschen der Stadt sind zu Partys eingeladen.

Der Krieg

Tatsächlich könnte es sein, dass die Macher der Serie etwas mehr im Kopf hatten als nur eine einfache Folge. Ist die westliche Welt mit der Bevölkerung der Stadt gemeint? Die erste Welt?
Sind wir die ahnungslose Bevölkerung die vom Krieg - in unserem Fall von den Unruhen, Kriegen, Krisen - nichts weiß? Sind wir diejenigen die in der Scheinwelt leben und von der Realität weit entfernt sind? Werden wir dabei von Medien und Netzwerken aufgehalten und abgelenkt?
Auch ein Hinweis auf Kapitalismus ist gegeben: Die verschiedenen Ringe der Stadt. Ganz außen lebt die arme Bevölkerung, diejenigen die es als erstes erwischen würde, falls die Mauer durchbrochen wäre. Und überhaupt ist damit eine Klassifizierung gegeben - wie im Kapitalismus.
Der Student symbolisiert für gewöhnlich den jungen, gebildeten und rebellischen Teil der Bevölkerung. Auch scheint es so, als wüsste der Student vom Krieg aber er macht aus Angst den Mund nicht auf. Ist unsere heutige Studentenschaft wirklich auf diese Ebene gekommen, dass sie aus Angst den Mund nicht mehr aufmachen können?
Letztlich erfährt der König aber vom Krieg und der Schwachstelle der Feuernation. Wer weiß ob in Realität die Politiker so viel wissen? Hier bewegt man sich auch stark im Verschwörungstheoretiker-Bereich, deshalb überlasse ich den Rest auch eigener Recherche und Fantasie.

Der Fink und die Feuerwanze

Ich hatte eine weite Reise hinter mir und war schon einige Wochen unentwegt am Laufen. Vermutlich hatte ich seitdem mit keinem anderen außer mir selbst gesprochen und so verfing ich mich immer wieder in das Singen von alten Liedern über die Heimat oder der allgemeinen Lust mit jemandem zu sprechen. Die Landschaft war geprägt von ewigen Savannen und kargem Gestein - dies hatte meine letzten Schritte doch ziemlich erschwert.
Ich war erfreut als ich dieses Häuschen am Hügel sah und wanderte eilig hinauf. Zu meiner Verwunderung war die Haustüre weit geöffnet und ich konnte mich nicht erinnern draußen jemanden gesehen zu haben. Ich trat also ein, vielleicht mit einer gewissen Neugier, mehr aber, davon getrieben endlich ein Gespräch führen zu können. Als ich mich umsah pfiff ich friedlich und beobachtete alle Ecken, Decken und Wände und Türen und Fenster bis ein anderes Pfeifen auf mein Pfeifen antwortete und mich überraschte, obwohl ich eigentlich bereits vermutete, dass sich hier jemand sein musste. Das andere Pfeifen war viel lieblicher und um einiges schöner als meines und so folgte ich dem Klang bis in das Zimmer aus welchem er kam.
Es war ein Vogel der auf einem Stock in einem geschmückten Käfig saß. Er erblickte auch mich und hörte zu pfeifen auf. Ich kam ihm näher und betrachte den Käfig der an der Decke hing. Der Vogel war rötlich und mit orangenen und gelben Tönen geschmückt, sein Zwitschern war so schön, wie ich es noch nie von einem anderen Tier gehört hatte.
„Sieh nicht auf mich! Mein Antlitz! Ein Phoenix bin ich! Mein Gesang – schöner als alle anderen Klänge der Welt, mein Gefieder – glänzend und weich wie Seide! Ich stehe aufrecht und stolz und frei hier in meinem Käfig und doch bin ich nur in meinem Käfig! Ja, ich komme nicht in die Welt hinaus und die wahre Freiheit hätte ich gewiss doch verdient“, zwitscherte der Vogel, ich aber genoss lediglich seinen Stimmton.
„Ich sehe dich an“, ich freute mich endlich zu Wort kommen zu können nach all den langen Tagen, „so bist du schöner als alle Tiere die ich bisher traf! Man könnte meinen es gehe dir gut und so gedachte ich auch bis du zu mir sprachst. Jetzt aber verstehe ich deine Lage – gefangen bist du in diesem Käfig! Keine Schönheit und kein Pfeifen können das wohl ändern“!
„Ja, selbst niederer Mensch wie du kann mich nun ansprechen! Ich muss dich sogar bitten mich zu befreien aus diesem Käfig. Beschämend, wo ich doch eigentlich der König der Lüfte bin, und du? Du bist nur ein einfacher Wanderer“, so der Fink wieder.
„Ich würde dich gerne befreien und trotzdem kann ich es nicht. Sieh! Ich komme mit meinen Händen nicht an dich heran, die Decke ist mir zu hoch selbst wenn ich all diese Stühle hinaufstaple“, das war meine Antwort, woraufhin der Fink laut zu kreischen begann und mir einen gemeinsamen Aufenthalt in diesem Raum unmöglich machte. Ich verließ das Zimmer und kurze Zeit später das Haus, ich hatte mich nur noch kurz umsehen wollen und viele Gemälde an den Wänden der Gänge, links und rechts erblickt, die ich durch das stetige Gekreische des Finks nicht lange betrachten konnte. Immer zu sah ich fein gekleidete Männer, die Nase etwas hochgestellt und die Augen gespitzt, jeder von ihnen hatte einen prächtigen Bart und Schnurrbart, nur am Kopf waren sie wenig behaart.
Als ich draußen war, bemerkte ich den frischen Zug der Luft und atmete ihn ein so tief ich konnte, denn im Haus war es – trotz der offenen Tür – sehr dumpf und stickig gewesen. Ich lief ein paar Schritte und hielt dann an. Das Haus konnte ich noch sehen, den Vogel nicht mehr hören – entweder war ich weit genug oder er hatte einfach aufgehört zu kreischen. Der Grund für mein Halten war aber ein ganz anderes Geräusch, es war ein leises Schreien, das einem Jaulen ähnlich war – auf dem Erdboden bemerkte ich das Ding. Es war eine hässliche kleine Feuerwanze. Ich musste mich tief beugen um zu verstehen was er sagte, und meine Nase berührte fast den staubigen Boden, meine Ellbogen waren ausgestreckt und meine Finger umschlangen meine Knie. Ich fluchte leise, da mich mein Rücken doch etwas quälte, als ich aber sah wie aufmerksam der Käfer zuhörte, unterbrach ich mein Fluchen.
„Du sprichst nicht“, sagte die Feuerwanze in einem für seine Verhältnisse rauen Ton, er hatte vermutlich nicht verstanden, dass es ein Fluchen war.
„Ich hätte dich fast nicht gehört, Käfer, und du zwingst mich nun, mich zu beugen obwohl ich doch all die Tage gewandert bin! Trotzdem möchte ich dir zuhören, obwohl du eines der hässlichsten und schmutzigsten Geschöpfe der Welt bist“, antwortete ich leicht gereizt, halb aber im Mitleid zu hart und zu kalt zu ihm gesprochen zu haben.
„Gewiss, gewiss du hast Recht, dann ziehe ich eben weiter“, antwortete die freie Feuerwanze beleidigt und machte sich auf den Weg.
Verwundert antwortete ich sofort um ihn nicht entkommen zu lassen, da ich immer noch das Bedürfnis hatte mit jemandem zu sprechen: „Bleib! Ich wollte dich nicht kränken, Käfer! Ich sehe wie frei du bist und obwohl ich dich hier zerquetschen könnte, hast du den Mut dich von mir abzuwenden“!
„Ach“, die Feuerwanze grub etwas im Boden herum, „so ist der Tod doch nur etwas, was mich eines Tages sowieso fängt, dennoch: Ich fürchte ihn nicht. Nein, nicht einmal einen schmerzvollen Tod, den so viele meiner Freunde haben erleiden müssen. Und dir Wanderer rate ich die Wahrheit mit klaren statt trüben Augen zu sehen, so bin ich frei – viel freier als du in deiner Denkweise. Und sterben müssen alle nicht nur die Hässlichen und Unteren“, und er zeigte mir einen großen Greifvogel der schon lange seine Kreise um die Gegend flog.



Einen schönen Sonntag - einer meiner Klassiker neu aufgelegt. Viel Spaß beim Lesen, freue mich auf Kritik!
Posted by Ikdrawingz on Sonntag, 7. Februar 2016

Die Affenteufel

Die Affenteufel sind eine wilde Meute. Sie leben in einer Höhle hoch oben auf den Bergen. Ihr Name täuscht; diese Ungeheuer sind mehr Teufel als Affen mit ihren großen stämmigen Körpern, dem haarigen Fell und den Hörnern. Dreiundsiebzig sind es.
Dreiundsiebzig gesichtslose Affenteufel.
Sie haben Augen, Mund und Nase, jedoch im Fell vergraben - unsichtbar. Erst wenn sie wütend werden oder fressen möchten, wird ihr Maul groß und die vielen spitzen Zähne zeigen sich. Was sie von anderen Tieren unterscheidet ist ihr Wissen über das Feuer. Sie haben nicht nur keine Scheu davor, sondern kennen es mit all seinen Geheimnissen. Sie kennen es besser als jeder Mensch - als jeder Feuerspucker. Sie kommen selten in die Dörfer herunter, aber wenn sie kommen, brennen sie alles nieder, nehmen die Erwachsenen mit und fressen sie, und lassen die Kinder übrig.

Die Kinder sind ihnen nämlich eine Heiligkeit und gute Freunde - sie malen Bilder von ihnen in ihre Höhlen. Aber verstehen sie nicht, wie die Kinder die sie übrig ließen verschwinden wenn sie Jahre später in die Dörfer zurückkehren.
Dass diese mittlerweile erwachsen sind und eigene Kinder bekommen haben, bleibt ihnen verborgen: Die Affenteufel sind aus Feuer geboren und behalten ihre Form auf ewig. Manche von ihnen sind kleiner gewachsen und haben keine Hörner, andere hingegen sind groß und fürchterlich. Der dreiundsiebzigste Affenteufel ist ein Riese, der die Höhle aufgrund seiner Größe nicht verlassen kann, deshalb freut er sich, wenn die anderen ihm ein Kind zum Spielen bringen.
Bevor dieses sich aber entsinnen kann, jemals in den Bergen gewesen zu sein, bringen sie es zurück in sein Dorf. Dann ziehen sie sich für Jahrzehnte in die Berge. Ihr unglaublich langes Leben vergibt ihnen die Macht, mehrere tausende Winter zu überleben und so sind sie halb Legende und halb Wahrheit; doch nur eine Wahrheit für Kinder, die schon bald vergessen haben, dass es Affenteufel gibt.

Wenn die Bäume rascheln

Ich erzählte ihnen – die Leute im Dorf waren sehr leichtgläubig – dass ich nachts wenn alle schliefen, zu bestimmter Stunde die nur ich kannte, wach wurde und aus dem Fenster schaute. Ich blickte in die Tiefen der Nacht und als sich meine Augen allmählich an die Dunkelheit gewöhnten, sagte ich zumindest, da sah ich sie.
Immer zu machten sie große Augen, die größten aber machten ihre Kinder. Manch' alte Frau schlug wiederholt die Fäuste auf die Oberschenkel und begann ängstlich zu schluchzen. Sie fürchteten die Bäume am meisten, denn sie kannten die alte Zeit und dessen Ungeheuer. Vielleicht aber war es auch nur das Alter, welches ihren Verstand in den Jahren weich und dehnbar gemacht hatte. „Zu jener Stunde“, so erzählte ich, „schlägt der Baum, der im großen Garten hinter meinem Haus steht, seine Wurzeln aus der Erde und schaut umher. Wenn sich niemand in der Nähe befindet, fängt er an sich zu strecken und läuft davon. Nun, der Baum weiß aber nicht, dass ich die geheime Stunde kenne, und ihn deshalb immer sehe –“, ich unterbrach kurz und stockte, dann fuhr ich eilig fort, „aber die geheime Stunde kann ich euch nicht verraten“.

Nun denn. Anfangs glaubten mir nur die Kinder und die alten Frauen. Dann begannen mir auch die jungen Frauen zu glauben, irgendwann die Männer, und zuletzt glaubten mir alle. Mit der vermehrten Glaubwürdigkeit die ich jetzt hatte, vergrößerte sich auch das Ausmaß meiner Lügen. Es seien auch die anderen Bäume die sich "reckten und streckten und dann in allerlei Ruh die sie in ihrer Art hatten, auf den Weg machten." Sie gingen irgendwohin, irgendwohin mir unbekanntes. Bevor die Sonne aufging und alle wach wurden – ja, sogar bevor die Vögel zwitscherten, die in den Nestern auf den beweglichen Bäumen geschlafen hatten – kehrten die Bäume zurück und gruben sich in ihre alten Stelle ein.

Die geheime Stunde kannte ich in Wirklichkeit gar nicht, auch wachte ich niemals zu solch einer Stunde auf. Mich selbst wecken konnte ich ebenso nicht – aber wer konnte das schon?

Einmal ging ich sogar so weit, dass ich von einem jungen Baum erzählte dem ein älterer eine Weisheit erzählte: 'Du darfst nie vergessen, wo du herkommst! Vergiss deine Wurzeln nicht!', raschelte der Alte, daraufhin hätte der junge Baum angefangen zu graben. Diese Geschichte brachte einige meiner Zuhörer zum Lächeln, die kleinen Kinder lachten sogar.

Doch als ich eines Nachts zu einer mir vorher unbekannten Stunde aufwachte und tatsächlich einmal durch mein kleines Fenster nach draußen schaute, da sah ich etwas. 

Ich sah wie sich der Baum im Garten kratzte. Erst jetzt wurde ich richtig wach und rieb mir die Augen. Es war keine Einbildung: Der Baum hinter meinem Haus hatte sich gekratzt. Es hätte auch sein können, dass draußen der Wind stark wehte. Das würde zumindest erklären warum ich aufgewacht war. 

Ob es windig war oder nicht – mein Haus war windfest verbaut, und es gab auch kein einziges Pfeifen – konnte ich nur herausfinden wenn ich nach draußen ging. Ich bewegte mich also zur Tür und schlug sie auf. Ich war beruhigt und erheitert zugleich.

Ein paar Worte zum Jahr

Die Sonne. Eine super Sache! Sie hält uns nicht nur warm oder sagt uns ob gerade Tag oder Nacht ist - nein, sie kann uns auch die genaue Uhrzeit nennen und sogar verraten, wenn ein Jahr vorbeigezogen ist.
Ein Jahr des Sonnenkalenders. Ein Jahr! Das ist eine Zeit, in der viel passieren kann. Es kann ein Josef K. zum Tode verurteilt werden. Oder ein Lamischer Krieg kann stattfinden.
In einem Jahr kann ein Mensch alle Sorgen vergessen, oder tausend neue bekommen.
Lasst uns kurz darüber nachdenken was dieses Jahr alles passiert ist: Vieles, zu vieles - schon wieder so viel! Doch irgendwie hat sich nichts geändert, alles ist beim Alten geblieben. Denn schließt du die Augen, ist alles wie früher. Machst du sie auf, dann vielleicht nichts mehr.
Wie viele Menschen hast du im diesem Jahr kennengelernt? Wie viele Menschen hast du vergessen? Denke kurz nach, über die erste Begegnung mit einem wichtigen Menschen, den du heute vergessen hast. Denke nach, über deine Leistungen und den Fortschritt, den du erbracht hast.
Denke nach, für wen du was gemacht hast, und warum? 
Was unterschied dieses Jahr von den vorherigen, und was soll das nächste Jahr von diesem unterscheiden?
All diese Gefühle - sie bedürfen keiner Worte, denn keine Worte können sie beschreiben. Deshalb werde ich mich kurz halten:
Ich wünsche jedem Einzelnen ein schönes nächstes Jahr mit viel Erfolg und harter Arbeit. Lasst euch nicht von eurem Weg abkommen und differenziert immer das Wichtige vom Dringenden. Ich bin froh, dass ich Menschen habe, die lesen was ich schreibe und ich freue mich auf die kommende Zeit mit euch.
Auf das kein Josef K. mehr zum Tode verurteilt wird und kein Lamischer Krieg geführt werden muss. Auf das wir uns wieder gesund und munter, in einem Jahr, genau an diesem Ort, wiedersehen. Auf das wir nie vergessen wer wir sind, und niemals aufgeben, das zu tun, was wir wollen. Auf das Begegnungen der Vergangenheit nur positiven Einfluss auf uns haben, und das nächste Jahr immer das bessere wird.
Im Gedenken an alle Verstorbenen in diesem Jahr, und vor allem jenen, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind. Auf das keine Kriege mehr unsere nächsten Jahre kennzeichnen!

Zweifelt nicht an meiner Mühe, ich werde bis zum letzten Atemzug alles geben.

Euer Ismail K.

Die Nektarine

Es war einer dieser Tage ohne Grund und Tiefe. Damals zog ich an solchen Tagen vor, Freunde zu treffen und Gespräche zu führen, und so tat ich das auch an diesem.
Ich stieg also mit einem leeren Gefühl im Bauch in den Bus Richtung Degerloch. Die ‘Leere der Sinnlosigkeit’, oder die ‘Kleinheit im Kosmos’ - ja, das waren richtige Formulierungen für mein Bauchgefühl. Ich gehörte irgendwie nichtmehr zum großen Ganzen. Ich hatte die Verbindung verloren. Vielleicht erhoffte ich mir durch ein Gespräch mit meinem Freund Erkan, mehr Sinn in meinen Bauch zu stopfen. Tut mir leid es jetzt sagen zu müssen, Erkan, doch dem war nicht so. Dennoch haben wir viel um den Rahmen der Welt und deren Sinnlosigkeiten gesprochen und es hat wirklich Spaß gemacht.
Als es dunkel wurde liefen wir eine letzte Runde zum Wagen von Erkans Mutter - sie war im Urlaub, und deshalb hatte er die Karre - und stiegen ein und fuhren los. Das Auto hatten wir oberhalb der Staatsgalerie geparkt und so konnte Erkan mich prima an der Kreuzung am Olgaeck ablassen, von wo ich auch zur Bahn ging. Ich winkte meinen Freund ab, wartete einmal vorbildlich bei Rot, und lief die minimale Erhebung des Bahnsteigs hoch.
Ich hatte die Wahl ob ich über Ruhbank Fernsehturm fahren würde, oder wieder über Degerloch. Ich entschied mich für letzteres. Die andere Bahn kam zuerst. Ich blickte in mein Smartphone, als auch schon geschah, was die ganze Zeit hatte geschehen wollen. Es ist kaum erklärlich und verwirrend, deshalb beschreibe ich den Vorgang wie er am logischsten ist. Wie viele Dinge man doch verpasst, nur weil man in sein Handy schaut!
An meinen Schuh rollte ein Apfel an, ein anderer wurde von einem schäbigen Mann sofort aufgehoben. Ich hob meinen auch auf und blickte umher. Die Türen der U-Bahn schlossen sich gerade. Außerdem war da noch eine für ihr Alter recht hübsche Frau mit Fahrrad, welche Dinge vom Boden aufsammelte, und in ihren Fahrradkorb legte.
Ich reichte dem schäbigen Mann meinen Apfel, er nahm ihn zwar, aber wollte ihn mir gleich zurückgeben, woraufhin ich meine Hand dankend an meine Brust hielt und zurücklächelte. Er aber wiederum bestand darauf, dass ich einen nahm, und deshalb drückte mir den Apfel zurück in meine Hand.
Er biss in seinen und lief an der Fahrradfrau vorbei, während er sich zu mir drehte, die Hände ausstreckte und nach oben schauend, “ist Geschenk”, sagte.
Ich sah also den Apfel an und dachte mir: ‘Ist der vielleicht vergammelt? Der ist irgendwie weich’?
Ich dachte, die Frau hätte ihn verloren und deshalb lief ich zu ihr. Sie hatte alles eingesammelt und gerade den Fahrradkorb zugedeckt als ich sie freundlich ansprach: “Sorry”.
Keine Antwort.
Also nochmal: “Sorry”.
Sie sah mich an.
“Gehört das vielleicht ihnen?”, fragte ich. “Nein. Cool, dass du fragst”, dann zögerte sie kurz und fuhr eilig fort, “aber: Essen”.
Toll. Ich hatte diesen Apfel, der mir nicht gehörte. Zwei völlig unterschiedliche Menschen sagten mir, ich solle ihn essen. Ob das richtig wäre? Das war die Frage. Die Frage, die ich mir bis über die Dobelstraße, den Bopser und zur Weinsteige stellte. War das richtig? Doch was konnte ich sonst damit tun? Schmiss ich ihn weg, so würde er nur verfaulen - viel zu schade, nicht? Hunger hatte ich auch. Ich beschloss also ihn zu essen. Als ich die Rolltreppe vom U-Bahnhof Degerloch hochstieg, bestätigte ich meinen Gedanken. Am Waschbecken der öffentlichen Toilette wusch ich den Apfel und biss in ihn hinein.
Und das war der Moment, der mir sagte heute war ein Tag. Heute war sinnvoll. Denn es handelte sich gar nicht um einen Apfel, sondern um eine Nektarine. Ich schaute auf den Plan während das Wasser der Frucht über meine Hand bis zum Ärmeln lief. 20 Minuten hatte ich noch für den Bus. Das war exakt so lang wie ein Spaziergang um die Wohngegend mit ihren Gärten. Ich bin ein Genießer der Einsamkeit, also lief ich, die Nektarine essend, über die Richtigkeit meiner Tat nachdenkend.
Mein Beschluss war, dass es nicht ganz falsch war die Nektarine zu essen. Der Besitzer hätte sie sowieso nicht bekommen können. Ich hatte Hunger gehabt und hatte nur getan, was nicht zum Vergammeln der Frucht geführt hatte. Als ich ans Ende der Straße gekommen war, stand ich vor diesem Laden mit den schönen Uhren. Dort am Schaufenster war eine Uhr, die aus einer Matrix aus Buchstaben bestand und die Uhrzeit mit einem Satz wie “zehn vor zehn” verriet. 
Es war nicht mehr lang bis zur Abfahrt, also lief ich zurück Richtung Busbahnhof. Den Kern der Nektarine warf ich in einen Garten der Wohngegend. Dann schlendere ich noch zum Bus und fuhr nach Hause. Ich stieg mit einem guten Gefühl in den Bus. Die ‘Leere der Sinnlosigkeit’, oder die ‘Kleinheit im Kosmos’ waren keine richtigen Formulierungen für mein Bauchgefühl gewesen. Ich gehörte nämlich zum großen Ganzen und hatte eine Verbindung aufgebaut. Die Nektarine war ein Geschenk von Gott an mich. Aber nur damit ich der Natur, den Kern der Nektarine schenkte. Wer weiß, vielleicht würde dort irgendwann ein Nektarinenbaum stehen, und viele Esser würden sich an meiner Geste aus der Vergangenheit erfreuen? Ich lächelte satt.

Überraschungsbeitrag online! Es ist eine Geschichte mit wahrer Begebenheit. Sie ist in Stuttgart passiert. Schaut gerne vorbei und sagt mir, was Ihr davon haltet :)
Posted by Ikdrawingz on Freitag, 25. Dezember 2015

Gandhis Brief an Hitler - analysiert

Der Zweite Weltkrieg ist unbestritten einer der tragischsten und verheerendsten Kriege der Menschheitsgeschichte. Er beginnt am 1. September. 1939 mit dem Angriff des Deutschen Reiches auf Polen. Mit 70 Millionen Kriegsopfern, dem Holocaust, einem Atombombenabwurf und zahllosen Kriegsverbrechen, stellt sich natürlich unweigerlich die Frage: Hätte der Zweite Weltkrieg verhindert werden können?
Diese Frage kann ich nicht beantworten, aber was ich dennoch sagen kann ist: Viele Menschen versuchten ihn aufzuhalten. Darunter z.B. Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Mahatma Gandhi. Richtig gelesen. Mahatma Gandhi.
Der pazifistische Revolutionär schrieb Adolf Hitler wenige Wochen vor dem deutschen Kriegsbeginn einen Brief, wobei man sagen muss, dass zu diesem Zeitpunkt in der Mandschurei bereits einiges los war. Dennoch: In diesem Artikel möchte ich das Schreiben Gandhis für euch analysieren.


Allgemein

Ein paar Dinge vorne weg: Der Brief wird mit der deutschen Übersetzung analysiert. Damit kann die Intensität einiger Aussagen entkräftet werden. Gleichzeitig geht die Würze der Verfassungssprache verloren. Außerdem ist das englische "You" nicht direkt mit einem deutschen "Du" oder "Ihr" zu übersetzen. Es kann sich nämlich um beides handeln. In dieser Übersetzung gehe ich allerdings davon aus, dass Gandhi Hitler mit "Ihr" anspricht, auch wenn ich lange darüber nachgedacht habe, ob er nicht vielleicht "Du" zu Hitler gesagt hätte. Schließlich benennt er ihn auch als "Freund". Außerdem bin ich weder Linguist noch Psychologe, und betrachte den Brief deshalb aus einer sehr subjektiven Perspektive.



Originalbrief

Hitler_Brief
Foto vom Originalbrief, Bild aus elephantjournal.


Übersetzung

"Lieber Freund,
Bekannte haben mich gedrängt, Sie im Namen der Menschlichkeit anzuschreiben. Lange bin ich dieser Bitte nicht nachgekommen, weil ich glaubte, ein Brief von mir könnte als anmaßend empfunden werden. Irgendwas sagt mir, dass ich nicht rechnen darf und dass ich meinen Appell machen muss, was immer es auch kostet.
Offensichtlich sind Sie unter allen Menschen allein in der Lage, einen Krieg zu verhindern, der die Menschheit in den Zustand der Barbarei zurückwerfen würde. Müssen Sie unbedingt diesen Preis für Ihr Ziel bezahlen, und wenn es Ihnen noch so erstrebenswert erscheint? Wollen Sie nicht auf einen Menschen hören, der nicht ohne beachtlichen Erfolg die Methode des Krieges immer abgelehnt hat? Sollte ich mich in Ihnen getäuscht haben, bitte ich Sie um Verzeihung für dieses Schreiben.

Ihr aufrichtiger Freund

M.K. Gandhi"


Los geht's

Was mir sofort auffällt ist die Länge, oder eher gesagt, die Kürze des Briefes. Die englische Version hat 135 Wörter und ist damit so lang wie ein ordentlicher Abstract. Diese Tatsache zeigt, dass der Schreiber nicht allzu viele Wörter benötigte um seinen Appell zu vermitteln.
Die Anrede lässt bereits viel Spielraum für Interpretationen. Was bedeutet "Lieber Freund" in diesem Kontext? Ich denke, Gandhi spricht Hitler einfach auf der selben Wellenlänge an. Er ordnet sich weder unter, noch stellt er sich auf eine höhere geistige Ebene.
Die Ansprache mit "Freund" ist auch der Grund warum der Brief nie bei Hitler ankam. Die indische Regierung ließ das Schreiben nämlich nicht raus. Gandhi erklärte Hitler in einem späteren Brief: “Dass ich Sie als Freund bezeichne ist keine Formalität. Ich habe keine Feinde. Wir zweifeln nicht an Ihrer Tapferkeit, Ihrer Hingabe an Ihr Vaterland, noch glauben wir, dass Sie das Monster sind, als das Ihre Gegner Sie beschreiben.” Ich kann aber ebenso nicht sagen, ob wenigstens dieser Brief jemals beim Empfänger ankam.
Doch machen wir weiter mit dem Vorherigen: "Bekannte haben mich gedrängt, Sie im Namen der Menschlichkeit anzuschreiben. Lange bin ich dieser Bitte nicht nachgekommen, weil ich glaubte, ein Brief von mir könnte als anmaßend empfunden werden." Im ersten Satz macht Gandhi Hitler also klar, dass er eigentlich nicht schreiben wollte, sondern nur durch Bitten seiner Freunde dazu kam - eine Überordnung gegenüber dem Diktator. Gleich daraufhin ordnet er sich aber unter, indem er behauptet sein Brief könnte für Hitler eine "Anmaßung" sein. Ein schmeichelnder Beginn scheint hier die Strategie. Vielleicht wollte er so an das "Herz des Biests" kommen.
Der nächste Satz war wirklich schwer zu übersetzen und kann auch verschiedenartig übersetzt werden. "Irgendwas sagt mir, dass ich nicht rechnen darf und dass ich meinen Appell machen muss, was immer es auch kostet". Gandhi schreibt, er "dürfte nicht rechnen". Will er damit sagen, dass das Schreiben mehr eine intuitive als rationale Absicht birgt? Fühlt er sich deshalb verpflichtet, Hitler zu schreiben? Weil er keine andere Lösung mehr sieht? Weil er seinem Herzen folgt und mutig dem Tyrann gegenüber tritt? Meine bescheidene Meinung dazu: Ja. Gerade die Aussage, er dürfte nicht rechnen unterstreicht das.
Im zweiten Absatz hört Gandhi auf über seine Gefühle zu reden und beschränkt sich auf den wahren Inhalt des Briefes. "Offensichtlich sind Sie unter allen Menschen allein in der Lage, einen Krieg zu verhindern, der die Menschheit in den Zustand der Barbarei zurückwerfen würde". Schon wieder stellt er den deutschen Diktator höher als sich selbst, und diesmal sogar höher als alle anderen Menschen.
Er wäre so etwas wie ein Held - der einzige der einen Krieg noch verhindern könnte! Doch dies kann nicht nur rohe Schmeichelei sein, sondern es ist vermutlich ein ernsthafter Ruf an Adolf Hitler und dessen Gewissen. Er maßt ihm eine hohe Verantwortung zu. Wenn Hitlers "gute Seite" fehlschlage, trage er die Schuld an einem Krieg, der die Menschheit sehr viel kosten könnte. Ein jeder Leser dieses Briefes, der sich im ersten Moment geschmeichelt fühlt, würde im zweiten Moment eine große Last an Verantwortung verspüren. Natürlich kann ich nicht mit Gewissheit sagen, was Hitler verspürt hätte. Aber das Ziel Hitler von seiner Sache abzubringen, oder es zu versuchen ist sehr taktisch in einen Satz gepackt worden.
Und es geht weiter mit der Formulierung: "Müssen Sie unbedingt diesen Preis für Ihr Ziel bezahlen, und wenn es Ihnen noch so erstrebenswert erscheint ?". Dieser Satz scheint anfangs nur ein betonendes Echo des vorherigen zu sein. Im Sinne von: "Adolf, bist du dir sicher? Willst du es wirklich tun? Ist es das wirklich wert"? Anschließend versucht er aber neu zu manipulieren, sein Ziel habe einen "Preis". Er müsse also etwas dafür bezahlen, so erstrebenswert es auch sei. Oder in anderen Worten: "Es hat auch Nachteile, Adolf. Denke nochmal darüber nach"!
Nun kommt ein extrem wichtiges Detail: Der Abstand zwischen der Frage und des Fragezeichens. Es kann sich wohl kaum um einen Leichtsinns- oder Schreibfehler handeln - dafür erwarte ich viel mehr von einem weltbewegenden Revolutionär. Und Ihr sicher auch. Es handelt sich um eine lautere Aussage und das Herz des Briefes. Den Appell. Die zentrale Frage an Hitler. Hätte er ihn je gelesen, wäre er auf alle Fälle darüber gestolpert.
Im nächsten Satz erhebt Gandhi seine eigene Persönlichkeit und spielt auf seine gewaltfreien Siege an. "Wollen Sie nicht auf einen Menschen hören, der nicht ohne beachtlichen Erfolg die Methode des Krieges immer abgelehnt hat?" - hier steckt keinerlei Bescheidenheit, sondern der Aufruf an Hitler, er könne auch ohne einen Krieg sein Ziel, oder zumindest einen Erfolg, erreichen. Gandhi selbst habe es ja auch geschafft.
"Sollte ich mich in Ihnen getäuscht haben, bitte ich Sie um Verzeihung für dieses Schreiben". Der letzte Satz ist eine goldene Mischung zwischen der anfänglichen Schmeichelei und der darauffolgenden Lastübertragung. Wenn er sich in Hitler gettäuscht habe - das heißt, wenn Hitler sich als "schlechter" erweist, als Gandhi annahm, erbittet dieser seine Verzeihung. Im Englischen klingt das intensiver als ein einfaches "Sorry". Nämlich "I anticipate your forgiveness". Dieser Satz ist die zweite und letzte Frage im Brief, dann kommt der Inder zum Abschluss. "Ihr aufrichtiger Freund". Einfache Formalität? Oder ein beabsichtigtes Schließen des Briefes. Es klingt fast wie ein Kreis zum anfänglichen "Freund". Alle Menschen sind Freunde.

Hitler_Brief
Gandhi und Hitler, Bild aus lettersofnote.

Fazit

Meine Meinung zu dieser Interpretation, die ich hier nach bestem Wissen und Gewissen verfasst habe, ist, dass sie keine Zufallsformulierungen enthält. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gandhi viele Stunden für diesen Brief gebraucht hat. Alleine schon das Aufbringen des Mutes ihn zu schreiben, müsste einige Tage gedauert haben. Keine einzige Formulierung und kein einziges Leerzeichen können unbeabsichtigt eingesetzt worden sein. 
Gandhi hat meines Erachtens nach, Hitler durch kleinere Schmeicheleien und einer Belastung mit Verantwortung dazu bringen wollen abzulassen. Ich wähle bewusst das Wort Schmeichelei, da es sich hier um nichts anderes als das handelt. 
Konfuzius sagte: "Glatte Worte und schmeichelnde Mienen vereinen sich selten mit einem anständigen Charakter."
Und auch in diesem Fall trifft es zu, wenn man Hitler als - aus seiner eigenen Sicht - guten Zielverfolger sieht. Es wird lediglich versucht, ihn von seinem Ziel abzubringen. Und zwar durch einen manipulierenden Brief. Ich behaupte nicht, dass Gandhi keinen anständigen Charakter besaß, sondern nur, dass er in seinem Schreiben, Hitler durch eine geschickte Art und Weise von seinem Vorhaben abkommen lassen wollte. Dazu hat er auch alle Mittel benutzt. Lese gerne den Brief nochmal durch!


Was denkst du?

Doch was denkst du über den Brief und wie findest du die Interpretation? In welchen Punkten stimmst du mir zu, und ich welchen Punkten hältst du mich für idiotisch und überspitzt? Falls du im Bereich Linguistik oder Psychologie tätig bist, und einige Deutungen verfeinern oder ergänzen möchtest - sehr gerne! Nicht scheu nur deine persönliche Meinung loswerden willst: Kommentiere  im zugehörigen Facebook-Post und sag' mir deine Meinung, und erfahre die Meinungen anderer. Ich freue mich auf dich:



Der neue Sonntagsbeitrag ist online! Dieses Mal handelt es sich um eine Analyse des Briefes den der Friedensrevolutionär Gandhi seiner Zeit Adolf Hitler sandte.
Posted by Ikdrawingz on Sonntag, 20. Dezember 2015



Quellenverzeichnis:

Der zweite Brief an Hitler - pi-news
Teile der Übersetzung - Die Welt